Wir waren Fremde in einem fremden Land

Gefunden in Kabul, 2009

 

Lieber Leser und liebe Leserin,

Sie kennen mich nicht und die Chancen stehen gut, das wir uns wahrscheinlich nie kennenlernen werden, aber ich bin ein Soldat.

Ich gehöre einer stolzen Truppe an heldenhaften Männern an.

Es war schon immer mein Traum für mein Land kämpfen zu dürfen.

Seine Werte, Geschichte und Bewohner zu verteidigen.

Der Tag, an dem man mich einzog, war der schönste meines Lebens.

Nach jahrelangen Bewerbungen und Monaten etlicher Untersuchungen und Prüfungen, wurde mein Kindheitstraum wahr.

Ich durfte einer von ihnen sein.

Seite an Seite an der Front stehen und die Gefahr fern von unseren Häusern halten.

Als ich hörte, dass man uns nach Afghanistan schicken würde, konnte ich mein Glück nicht fassen.

Man gab uns die Chance das Problem an der Wurzel zu packen und zu beseitigen.

Eine Bataillon, aus sorgfältig ausgewählten Männern, wurde losgeschickt und man ließ mich einer von ihnen sein.

Ich hatte es geschafft und fand mich nun in einem Fahrzeug voller Kameraden wieder.

Man vertraute uns die Sicherheit unseres Landes an.

Wir waren eine Eliteeinheit mit dem Segen und der Hoffnung unseres Staates.

Unzählige Menschen bauten auf unseren Erfolg und glaubten an uns und unsere Sache.

Wir waren die Auserwählten.

Die glücklichen Lottogewinner, in dem Glücksspiel, das sich Leben nannte.

Ein Jeder von uns, war nun mit einer höheren Bestimmung gesegnet, oder?

Wenn wir so gesegnet sind, warum fühle ich mich, dann schwach und verloren?

Warum zittern meine Knie, dann so?

Warum verkrampfen sich meine Glieder und mein Atem stockt?

Warum schnürt sich meine Kehle zu und mein Blut pulsiert wie wild?

Mein Mund ist trocken, als ob ich noch nie etwas getrunken hatte.

Das war nun meine zehnte Tour.

Müsste ich nicht an das Kommende gewöhnt sein?

Müsste ich nicht vorbereitet sein auf das, was mich gleich erwarten würde?

Doch wie kann ich?

Ich weiß nicht, was mich erwarten wird.

Die Jungs und ich könnten ankommen und alles ist sauber. Genauso gut, könnte es ein Hinterhalt sein und wir alle sterben.

Wie wollen sie sich an den Tod gewöhnen oder gar darauf vorbereiten? Es ist nicht von menschlicher Natur, sich auf den Tod vorzubereiten. Wir streben nach Leben, von der ersten Sekunde, in der Luft unsere Lungen füllt. Wir sind gierig nach Leben. Wir sind so gierig danach, dass Krebspatienten tausende Dollars ausgeben, um es nicht zu verlieren. So gierig, dass wir in einem Kampf mit dem Feind, bereit sind seines zu nehmen, um unseres zu wahren.

Ist das gerecht?

Wir waren Fremde in einem fremden Land.

Befehle und Munition wurden unsere Orientierung, doch war das richtig?

Ich glaubte eins, an einen höheren Sinn, an eine höhere Bestimmung, die hinter unserer Mission stand, doch wo war sie jetzt?

Nach dem ersten Anblick eines verstümmelten Leichnams, schwindet das Bild einer stolzen, wehenden Flagge sehr schnell.

Ich sitze jeden Tag mit Menschen am Tisch, die ich vielleicht zum letzten Mal sah.

Ich bin nicht einmal mehr in der Lage sie anzusehen. Warum sollte ich auch? Sie würden eh verschwinden. Wie wir alle.

Es war nur eine Frage der Zeit.

Warum also erst die Mühen auf sich nehmen, um Namen und Lebensgeschichten zu hören, die wir eh vergessen werden?

Heute reisen wir ins Zentrum von Kabul. Ich hasse es dahin, zu reisen.

Schon auf dem Weg dorthin spürt man, dass der Wagen auf seiner Rückfahrt leichter wiegen wird.

Ab und zu, haben wir einige Spaßvögel an Bord, die versuchen die Stimmung mit irgendwelchen dummen Witzen aufzuheitern. Doch nach ihrer ersten Tour ist der Humor tot, wie der ehemalige Sitznachbar.

Verzeihen sie meine Kühle, doch wenn man gesehen hat, was ich sehen musste, dann verschwindet jeglicher Funken an Menschlichkeit.

Ich kann kein Mensch mehr sein. Wer solche Dinge tut, wie ich sie tat, kann unmöglich ein Mensch sein.

Warum sollten Menschen, sich gegenseitig so etwas antun, wie wir es hier tun?

Das entbehrt jeglicher logischen Natur.

Warum sollten wir hier auf der Welt sein, um uns auf so eine Art und Weise, von ihr zu schicken?

Tag ein, Tag aus, nehmen wir uns gegenseitig das Leben.

Dabei kennen wir uns nicht.

Wir haben uns noch nie vorher gesehen und auch noch nie danach.

Ich weiß nicht, was ihre letzten Gedanken waren, bevor ich ihr Leben beendete.

Ich weiß nicht mal, wie sie heißen.

Manchmal lässt man uns sie nicht mal sehen, sondern schickt uns gleich weiter zum nächsten Punkt, als ob wir Zimmer reinigen würden in einem Hotel.

Wir waren Mörder und das ungestraft.

Wie konnte man uns ungestraft lassen?

Predigen nicht sämtliche Gerichte und Religionen der Welt, dass man das Leben, achten und unangetastet lassen soll?

Warum sollten wir nun anders handeln? Das ist nicht normal!

Ich bin vielleicht kein sehr gebildeter Mann, aber selbst ich kann richtig von falsch unterscheiden. Das hier ist falsch. Einfach alles.

Wir sind Bauer, die auf den nächsten Zug warteten und beteten, dass man uns bald vom Brett nahm.

Wenn Sie das lesen, bin ich wahrscheinlich schon tot.

Wir waren Fremde in einem fremden Land.

Written by SenhorDaSilva