Sahara

Kapitel: Sahara

(Auszug)

Ich hatte sie verloren und war nun tatsächlich alleine in der Sahara.
[...]
Wir sind alle auf einer ReiseIch lief Stunden um Stunden umher und brüllte mir die Kehle aus dem Leib. Doch es war vergebens. Keine Menschenseele sichtbar. Nicht mal ein Tier. Nicht mal eine Wolke. Ich hatte mich bereits oft einsam gefühlt, aber dass man sich so einsam fühlen konnte, wusste ich nicht. Es war als sei die Welt karg und leer. Es gab keine aufregenden Städte, keine unglaubliche Natur und keine zeitfressende Technologie. Ich war am Anbeginn der Zeit angekommen. Und Zeit war das Stichwort, denn diese spielte verrückt. Manchmal schien es als vergingen die Stunden so langsam wie nur möglich. Andere Male fühlte man sich, als ob einem die Zeit davon rast. Das seltsame ist, man konnte es nur fühlen, denn ich hatte weder eine Uhr bei mir, noch konnte ich die Zeit am Himmel ablesen. So blieb mir nur einzig und allein, dass Gefühl vergehender Zeit. Mich trieb das unaufhörliche Geräusch vom wehenden und fließenden Sand in den Wahnsinn. Es war überall und es schien mit der Zeit lauter zu werden. Was war das nur für ein Ort? Welcher Sinn versteckte sich hinter einer größeren Wüste? Hier vegetierte nichts und hier tobte auch kein gigantischer Handel. Es fühlte sich einfach an, als lief ich in einem riesigen Friedhof. Jeder Fleck hier, könnte mein Grab sein.

Mir kam sehr oft Erinnerungsbrocken meiner Familie in den Kopf. Bloße und willkürliche Abfolgen vergangener Dialoge und emotionalen Abschiede. Andere Male, hörte ich Stimmen in der Luft. Sie flüsterten mir unverständliche Dinge zu und ich wusste nicht woher sie kamen. Die Schritte wurden schwerer, die Atmung flacher und die Schmerzen schlimmer. Mein ganzer Körper fühlte sich an, als ob man mich mit Messer schnitt und verbrannte. Meine Lippen bebten und ich schluckte kontinuierlich um etwas Flüssigkeit zu bekommen. Ich versuchte sogar, wie ein Hund zu lecheln. Doch mir misslang das Kunststück und ich musste darauf verzichten. Der Abend war angebrochen und mir wurde schwindelig vor lauter Durst und Hunger. Doch ich verspürte ein akutes Signal von meinem Körper und tat das einzig richtige. Ich trank meinen Urin. Stolz bin ich nicht wirklich darauf, aber eine Bar oder einen Wasserspender gab es leider nicht, also musste der Körper ran. Auf detaillierte Beschreibungen über Geschmack oder Konsistenz, verzichte ich lieber an dieser Stelle. Als ich ein zweites Körpersignal wahrnahm, verstand ich eine Sache sofort. Nicht jeder Schatz ist aus Gold. Glauben Sie mir. Erst hier draußen in der Wüste, lernt man Klopapier, richtig zu schätzen.

Meine erste Nacht in der Sahara, ohne Zelt und Schlafsack, war ein Fiasko. Es wurde unmenschlich kalt und der Wind zog kontinuierlich. Ich versuchte mich im Sand zu vergraben, in der Hoffnung es würde wärmer werden, doch leider blieb der gewünschte Effekt aus.

Ich versuchte in Bewegung zu bleiben, um nicht zu erfrieren und rollte seitlich umher. Noch nie hatte ich mir gewünscht, dass eine Nacht schneller verging. Doch natürlich fühlte sich gerade diese Nacht, wie eine Ewigkeit an.

Ich sah sehr oft zum Mond und bat um Rettung oder eine, schnellen Tot. Was halt zu erst eintreffe. Die Nacht verging und hinterließ ihre spuren. Ich fühlte mich leicht erkältet. Ein weiterer Minuspunkt in meiner „Du-bist-alleine-in-der-Sahara“-Situation. Nichts desto trotzt, zog ich weiter umher. Laufen erschien mir nie schwerer. Als hätte ich es gerade erst gelernt.

Wenn ich mich umdrehte sah ich, dass der wehende Sand, meine Fußspuren bereits verwischt hatte. Als ich ob ich nie da gewesen wäre. War ich zum Geist geworden? Ich verbrachte unzählige Stunden mit Selbstgesprächen. Verfluchte mich und alles, bettelte um den Tod und sprach zu Gott. Die ganze Zeit über fragte ich mich, ob er mir zu sah und dies als gerechte Strafe einstufte. Eine Strafe für die Jahre, als schlechter Ehemann und Vater. Wie würde man über mich denken? Würde überhaupt jemand an mich denken? War ich so weit gekommen um verloren und einsam zu Wüstenstaub zu werden? Ich fiel auf die Knie und sah über die riesigen Dünen vor mir. Die Sonne stand bereits tief und warf einen langen Schatten auf die Dünen. Der Sand zog lange wellenförmige Muster. Sie schien einfach nicht enden zu wollen. Ich konnte noch so weit rennen, laufen oder kriechen und würde trotzdem niemals ihr Ende lebendig erreichen. Tränen rannen über mein Gesicht und ich wusste, dass ich hier sterben würde. Ich fühlte mich so alleine und konnte nicht aufhören an sie zu denken. Seit dem wir uns begegnet waren, kam sie mir immer öfter in den Sinn. Aber hier, einsam und elendig, musste ich unaufhörlich an sie denken. An ihre Stimme, ihr lachen und ihre Augen. Wenn ich doch wenigstens ein Bild von ihr mit mir gehabt hätte oder ein Blattpapier mit ihren Namen. Ich hatte nichts. Ich sah runter zu meinen Armen und beobachtete wie die Haut sich zu schälen begann. Meine Finger sahen ganz blass und gelb aus und in meinem Rachen konnte ich Blut schmecken. Ich muss dem Ende schon sehr nah gewesen sein. Ich stand wieder auf und trottete weiter. Stehen zu bleiben, bedeutete mein Ende. Wenn es doch nur irgendwo ein wenig Schatten gab und kühle Luft.

Wir sind alle auf einer ReiseWieder begann der Sand aufzuwirbeln und stach mich überall am Körper. Ein leichter Sandsturm erfüllte die Gegend und ich bettelte um das Ende. Doch es kam nicht. Plötzlich, mitten im Sturm, konnte ich es kurz sehen. War das ein Traum? Eine Fata morgana? Oder stand da tatsächlich ein Baum. Einsam und verlassen, wie ich. Zitternd lief ich auf ihn zu und spürte wie mein Körper immer schwerer wurde und ich langsam zu Boden gezogen wurde. Ich konnte meine Augen kaum mehr aufhalten. Als ich bei ihm ankam fiel ich hin. Langsam streckte ich meinen Arm nach ihm aus. Die Strecke kam mir unendlich weit vor, obwohl ich direkt davor lag. Und tatsächlich ich berührte einen Baum. Noch nie in meinem Leben war ich so dankbar, Berührungen fühlen zu können. Ich weinte wie ein kleines Kind. Ich sah am Baum vorbei und wurde beinah ohnmächtig. Nicht weit entfernt vom Baum stand ein steinerner Brunnen. Noch nie hatte ich etwas Schöneres gesehen.Wir sind alle auf einer Reise Meine Lippen bebten alleine beim Anblick. Ich kroch ermüdeten und weinend zum Brunnen. Zitternd zog ich mich an ihm hoch und zögerte hineinzublicken. Was wenn kein Wasser drinnen war? Ich wollte daran gar nicht erst denken, doch die Angst lähmte mich. Mein Herz schlug schneller, als man mitzählen kann. Sollte hier mein Ende sein oder meine Rettung. Ich senkte den Blick und sah runter in dunkles Wasser. Ich schrie mir die Kehle aus dem Hals. Mein ganzer Körper bebte, als ich den Eimer in den Brunnen senkte und ihn wieder hoch zog. Das Wasser war dreckiger, als man es sich vorstellen kann, aber ich trank es bis zum letzten Tropfen und wiederholte meine Eimer-füll-Aktion, gefühlte neun Mal. Ich trank bis ich Wasser kotzen musste und trank weiter. Dann legte ich mich hin und umarmte den Eimer. Gott hatte mich noch nicht aufgegeben. Ich sollte noch etwas länger leben. Ich sah die Sonne verschwinden und den Himmel sich verdunkeln. Müde, schloss ich meine Augen und schlief ein.

Am nächsten Morgen füllte ich den Eimer dreimal, bis er leer hinauf kam. Mein Herz blieb stehen. Ich hatte mein Glück überstrapaziert. Ich wimmelte und fragte mich, was ich nun tun sollte. Ein Schatten flog über mich hinweg und ich sah zum Himmel. Nichts. Nichts war sichtbar, aber aus irgend einem Grund, wusste ich das ich geradeaus weitergehen musste. Ich ging zur Palme, küsste sie und bedankte mich. Dann ging ich und überließ meinen Lebensretter, wieder der Wüste und verschwand im Meer aus Sand.

Einen Tag, zwei Nächte und einen Morgen, war ich nun allein unterwegs. Mein Körper war schweißgebadet und meine Lippen fühlten sich ganz taub und rissig an. Mein Bauch gab ununterbrochen Geräusche von sich und schmerzte, dass es einem, die Sinne raubte. Er war schon leicht angeschwollen. Der Konsum von Wüstenkräutern, war nun mal nicht Teil meiner üblichen Speisekarte. Verzweifelt hob ich den Blick und sah durch die Weite der Wüste, in der Hoffnung Leben zu erblicken. Doch nichts. Niemand in Sicht. Ich war verloren. Jeglicher Wille weiterzukämpfen oder zu überleben, verschwand und ich blieb wackelnd stehen. Mein Hals schmerzte sehr und ich spürte, dass mir nicht lange Zeit blieb, bis ich völlig am Ende war. Ein Wind stieß mir entgegen und Ich ließ meinen Blick über die unendlichen Weiten der Wüste wandern und spürte wie ich zitterte und eine Gänsehaut bekam. Ich fror förmlich vor Ehrfurcht und das bei über 36 Grad.
Ich setzte mich hin und spürte wie der Sand durch meine Finger rann. Was diese Wüste, wohl alles schon erlebt haben muss. Wie viele Geschichten, sie wohl zu erzählen vermag. Ich nahm etwas Sand in die Hand, warf ihn in die Luft und sah, wie der Wind ihn davon trug. Wie ich den Sand fliegen sah, wurde ich neidisch. Ich wollte auch so schwerelos, über die Erde wandern und Teil von etwas großem sein. Ich legte mich hin und starrte in den Himmel. Für einen kurzen Moment vergaß ich die schmerzende Kehle, die juckenden Füße, die brennende Hitze und die Angst nie wieder hinaus zu finden. Ich musste an Santiago aus dem Buch denken. Wie musste er sich gefühlt haben? Hatte er oft Momente der Angst und Zweifel oder gewann stets die Neugier und die Lust seinen Schatz zu entdecken? Seine Strategie war es Zeichen zu lesen. Also blickte ich stur hinauf und hoffte auf irgendwas. Ich wusste damals nicht was, aber Gott sollte mich nicht enttäuschen. Der schwarze Vogel flog vorbei und drehte zwei Runden über mich, bevor er weiter flog. Ich schluckte all’ Spucke zusammen, die mir verblieb und versuchte zu realisieren, ob ich träumte oder nicht. Plötzlich hörte ich Stimmen. Konnte das wirklich wahr sein? Ich beugte mich zögerlich hoch und sah die Karawane. Jassah winkte mir energisch zu. Mein ganzer Körper zitterte vor Freude und Tränen rannen meinen Wangen hinunter. Die Wüste hatte mich verschluckt und wiederausgespuckt. Jassah und die anderen gaben mir reichlich zu trinken, etwas Essen, Medizin für meinen Fuß und in Binnen drei Tagen erreichten wir Kairo.

Wir sind alle auf einer Reise

Es war nachts, als ich im Zimmer eines Krankenhauses lag und aus dem Fenster blickte. Ich konnte die Wüste sehen. Trotz allem Schlechten, was in ihr geschah, war ich dankbar. Dankbar für all die schönen und tiefen Momente, die sie mit mir teilte. Und für einen Augenblick, konnte ich schwören den schwarzen Vogel gesehen zu haben. Ein Lächeln breitete sich auf meine Lippen aus und ich blickte in das Buch. Ein Wort sprang mir entgegen - Maktub. Ich schloss das Buch und legte mich zu Schlaf. Inzwischen habe ich noch drei weitere Male, die Wüste durchquert, doch nie wieder, war es annähernd so bewegend wie dieses. Den schwarzen Vogel sah ich nie wieder. Doch denke ich oft an ihn zurück.

 

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