Rio de Janeiro

Auf Rio hatte ich mich besonders gefreut. Aus drei Gründen. Ich war meiner Heimat so nah wie schon lange nicht mehr. Ich würde eine Stadt sehen von der ich schon immer geträumt hatte und ein vertrautes Gesicht würde mich vom Flughafen abholen. Mit Henrique hatte ich vor dem Flug bereits alles abgeklärt, so dass er bereits im Terminal auf mich wartete. Es war eine riesen Freude ihn zu sehen. Er hatte mich mit einem albernen Schild erwartet auf dem Stand „Tom Lee Baker, Prince of Amsterdam & Oktoberfest King“. Ich musste so laut lachen, dass ein Sicherheitsbeamte mich zu Recht wies. Wir fuhren beide mit einem Peugot 205 GTI in Rio rein. Er erzählte mir, wie es auf dem Fest weiterging und was er geplant hatte und ich betrachtete ruhig Rio.

Ich konnte vom Fenster aus die Statue „Cristo Redentor“ sehen. Im Himmel flogen Paragleiter um Rio. Henrique fuhr mit mir über die Av. Viera Souto. Einer langen Hauptstraße die entlang Ipanema verlief. Ich sah zum Strand und betrachtete die Menschen, die in Badeklamotten über die Promenade liefen. Sie hatte ein wunderschönes schwarz weißes Schachbrettmuster. Und wurde umsäumt von Palmen und kleinen Ständen. Auf der Anderen Seite blickte in die Stadt und vor mir sah ich die Berghügel „Dois Irmãos“. Die Sonne ging langsam hinter ihnen runter. Ich war überwältigt. Henrique setzte seine Sonnenbrille auf, drehte die brasilianische Musik auf und wir fuhren in Richtung Berge zu einem Viertel namens Leblon. Eine schöne Gegend war das. Sie wohnten in einem prächtigen Haus bzw. in einer prächtigen Villa. Das Gebäude im viktorianischen Stil, hatte sogar seine eine eigene Einfahrt. Ich sah ihn fassungslos an und er erklärte, dass sein Vater mit dem Baugeschäft ordentlich Geld gemacht hatte. Jedes dritte bis vierte Baustellenprojekt ginge an seiner Firma. Und in Rio gab es eine Menge. Im Haus angekommen wurden wir von der Hausfrau, Maria, begrüßt und ich wurde zu meinem Zimmer geführt. Eine Hilton Präsidenten Suite wäre ein Witz dagegen gewesen. Ich hatte ein eigenes Apartment, mitsamt Whirlpool und Balkon. Ich fühlte mich schuldig, doch Henrique versicherte mir, dass ich keine Unannehmlichkeit darstellte. Seine Mutter, die Schönheitschirurgin war, und sein Vater waren außer Haus. Also nahmen wir beide wieder den alten Peugeot und fuhren zur Copacabana. Er meinte es sei besser in einem ärmlichen Wagen zu fahren, da es weniger Interesse auf sich ziehe. Er habe lange gebraucht, bis seine Freunde sich mit seinen Lebensverhältnisse abgefunden haben. Rio sei so schön wie es gefährlich sei. Und ich glaubte ihm das. Wir parkten das Auto, was eine echte Herausforderung war bei dem Verkehr, und nahmen Platz an einer kleinen Cabanas. Eine Strandbarhütte. Wir tranken Kokosnussmilch aus der Kokosnuss und aßen gebratene Bananen und gebratenen Käse. Das schmeckt, das sage ich Ihnen. Er nannte mir kurz das Programm für den Abend. Wir würden mit einigen seiner Freunde in den Favelas trinken gehen. Ich fragte, warum ausgerechnet an so einem gefährlichen Ort. Er meine, dass seit 2011 die Polizei für ordentlich Ruhe gesorgt habe und in den Favela das Leben authentischer waren. Die Partys seien besser und die Menschen Goldstücke. Ich fragte, wie es mit der Kriminalität aussah. Er meinte sie sei allgegenwärtig. Wie überall auf der Welt. Es sei stets eine Sache von zur falschen Zeit, am falschen Ort zu seien. Wenn ich sicher leben möchte, sollte ich nicht leben. Ich vermied jegliche Nachfrage und akzeptierte seinen Vorschlag. Der Strand war unglaublich und die Menschen erst. Eine Gruppe von schönen Frauen lief vorbei, dicht gefolgt von durchtrainierten jungen Männern. Sie sahen mich böse an. Henrique erklärte mir, dass in Rio ein intensiver Schönheitswahn herrsche. Dazu tragen die Telenovelas, brasilianische Dramaserien, bei. Dort würde ein schöner Mensch, nach dem Anderen kursieren. Telenovelas seien auch die Quelle die Modetrends vorgaben. Ich fand die Vorstellung interessant. So dachte ich ehrlich gesagt, über Kalifornien. Das Brasilien so tickte, wusste ich nicht. Wir verließen das Geschäft und liefen den Strandweg entlang in Richtung Parkplatz. Er brachte mir eine portugiesische Sätze bei und erklärte mir, dass er mir keine Touri-Trip gab. Ich sollte Rio erleben wie echter Bewohner. Wie ein echter Carioca. Ich fand die Idee gut. Gemeinsam fuhren nach Rocinha. Eine von Rios ältesten und größten Favelas. Sie lief am Bergrücken der Dois Irmãos entlang. Es sah aus, wie ein Lawine an Hütten. Eine über der anderen. Ein unglaublicher Anblick. Wir parkten das Auto und wechselten zu einem Motorroller.

Ich erzählte ihn von meinem misslungenen Versuch in Rarotonga und er nahm mich lachend mit. Wir fuhren durch das Zentrum in dem mehrere Marktstände waren und fuhren eine Straße hinauf. Straßen wie bei uns gab es hier nicht. Auf Asphaltierung wurde verzichtet. Ein Anblick, den ich an vielen zuvor Orten sah, wie in Indie und Pakistan. Während wir so fuhren bekam ich einen ersten Eindruck dafür wie riesig dieser Ort wohl war. Ich erkundigte mich nach den Ausmaßen der Favela. Henrique sagte, dass sie enorm sei. Rocinha habe ihr eigenes Ökosystem entwickelt. Es gibt ein eigenes Entsorgungs- wie auch Energiesystem und eine eigene kommunale Verwaltung. Die genaue Einwohnerzahl wüsste keiner genau. Sie müsse bei etwa zweihundertfünfzig-tausend liegen. Wir machten halt neben einem kleinen grünen Haus. Mehrere Straßenhunde kamen uns entgegen und eine Frau saß mit einem kleinen nackten Kind auf einem Stuhl in der Veranda. Sie sagte kein Wort, doch Henrique begrüßte sie liebevoll mit einem »Boa tarde, Valeria.« Im Haus saß ein ältere Mann vor dem Fernseher. Er hatte nur seine Unterhose und ein weißes Tank Top an. Er nahm kaum Kenntnis von uns, da die Telenovela interessanter schien. Neben ihm saß eine alte Frau, die uns beiden kurz freudig zu nickte und dann wieder zur Sendung sah. Wahnsinn. Sie hatten mich noch nie vorher gesehen, aber es schien sie nicht zu stören, dass ich einfach mal so rein gelaufen kam. Spannendes Volk, die Brasilianer. Die Wohnung war relativ Bescheiden und auf das nötigste begrenzt. Wir gingen in ein Zimmer. Eine Tür gab es nicht. Ein Großes Tuch, hang vor dem Türrahmen. Ich fand das aufregend. Wir betraten das Zimmer, an dessen Wand lauter Plakate der brasilianischen Fußball Elf, Oscar und Neymar Junior hang. Ein Junge lag auf einer Matratze und las ein Comic. Blonde Haare, stattliche Figur, Tank Top und Shorts. Ähnlich gut aussehend wie Henrique. Er blickte zu uns hoch und grinste. Henrique grinste zurück und der Junge sprach ihn auf Portugiesisch an, während er mich grinsend ansah. Er zeigte dabei mit dem Finger auf mich. Henrique zeigte ihm kurz den Mittelfinger und nickte lachend. Ich hatte verstanden. Sie machten einen Witz auf meine Kosten, was schon okay war. Der Junge, Bruno hieß er, sprang auf und stellte sich auf Englisch vor. Seinen brasilianischen Akzent empfand ich als sehr angenehm. Henrique hatte keinen. Er klang sehr amerikanisch. Jedenfalls musterte mich Bruno mit einem hämischen Grinsen und sagte mir, dass die Mädels mich hier lieben werden. Ich sehe einem brasilianischen Telenovela Star ähnlich. Damit hätte ich mehr Chancen, als ein brasilianischer Spitzenfußballer. Wenn das mal keine Motivation war. Bruno sagte wir sollen es uns kurz gemütlich machen, während er sich duschen würde. Duschen bedeutete bei ihm, einen Eimer mit Wasser zufüllen und sich damit zu waschen. Henrique und ich saßen solange auf der Matratze. Er hatte zuvor aus dem Kühlschrank drei grüne Dosen besorgt. Es handelte sich dabei, um ein Getränk, dass sich Guarana handelte. Ein brasilianisches koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk. Ich stöhnte bei dem Geschmack. Es war mir viel zu süß. Henrique nahm, das als eine Herausforderung an. Er verschwand kurz und kam mit einer merkwürdigen Pflanze und einem großen Messer zurück. Geschickt bearbeitete er die Pflanze vor mir und bot mir dann ein Stück an. Ich fragte, was es sei und er forderte mich auf, blind reinzubeißen. Ich zögerte erst, aber ich vertraute ihm. Ich probierte es und bekam augenblicklich einen Zuckerschock. Gott war das süß. Es schmeckte wie ein übersüßter Kakao. Er lachte und erkläre es sei eine Kakaobohne. Thiago, Brunos Großer Bruder, arbeite auf einer Kakaofarm und bringe manchmal etwas mit nach Hause. Eine Gute Sache hatte diese Erfahrung. Die Guarana ließ sich nun, um einiges einfacher trinken. Bruno kehrte frisch gewaschen zurück. Er zog ein Hemd, Shorts und Flipflops an. Er nahm seine Guarana, informierte sich über meine Zuckerschock-Erfahrung und wir verließen das Haus. Wieder ohne große Kenntnisnahme der beiden. So ne Telenovela ging länger, als gedacht. Wir ließen das Bike stehen und liefen gemeinsam den Hügel hinauf, währenddessen erzählte Bruno vom Leben in der Favela. Es sei sehr oft anstrengend und man fühle sich von Zeit zur Zeit abgeschnitten von der Außenwelt, aber hier drinnen selbst, lebe es sich gut. Die Menschen verstanden sich alle gut miteinander, die Kriminalität hielte sich in Grenzen und mehr Geschäfte kamen nach Rocinha. Ich lauschte gespannt jedes einzelne Wort. Zwischen durch begrüßten die Beiden unzählige Menschen die uns auf unserem Weg entgegen kamen. Egal ob diese, auf ihrer Veranda saßen, in ihren Fahrzeugen fuhren oder zu Fuß an uns vorbei liefen. Wir verschwanden in einer Seitengasse, liefen ein paar Treppen hinauf und landeten auf einer Roof-top-Bar. Der Ausblick war überwältigend. Um uns herum erstreckte sich das Meer an Hütten. Die Sonne strahlte uns entgegen. Henrique kam von der Theke mit drei Bier zurück. Im Hintergrund lief angenehme brasilianische Musik und die Bar fühlte sich allmählich. Ich war beeindruckt. Ein kleines Paradies. Mitten im Herzen der Favela. Sie spiegelte exakt das Leben wieder. Es gab immer, überall etwas zu entdecken. Vergessen Sie, dass bitte nie. Gehen Sie und entdecken sie ihre Welt. Sei es auch nur ihr Viertel oder ihre Stadt. Überall, gibt es eine kleine Ecke, die einen faszinieren kann. Doch kehren wir zurück zur Geschichte. Ein weitere Junge, Luca, kam dazu. Er hatte eine Brille, einen dichten Bart und eine Glatze. Außerdem war er ein Spaßvogel, unter dem Herren. Er kannte Witze und Geschichten, die einen vom Hocker warfen. Wortwörtlich. Ich musste Bruno aufheben. Eine Stunde später saßen sich sechs Mädchen zu uns. Eine schöne, als die andere. Leider alle viel zu jung. Es war trotzdem lustig. Sie stellten mir allerlei Fragen zu meiner Reise und ich begann einige Geschichten zu erzählen. Vom Stierlauf in Spanien, meiner Showeinlage in Paris, meine Fahrten mit Mischa, der Kampf in Singapur und der Fast-Ehe in Indien. Sie lachten wie verrückt.

Dem Barkeeper, Dylan, gefielen meine Geschichten und er spendierte mir eine Capirinha aufs Haus. Herr Gott hatte es in sich. Brasilianische Barkeeper mischen Cocktails nach Gefühl, nicht nach Vorschrift. Eine Erkenntnis, die ich danach noch öfters feststellte. Wir tranken und lachten bis in die späte Nacht, dann gingen wir zu einem Club nicht weit weg. Ich kam mir zwar vor der Vater der Gruppe, aber die Cacaia lies mich diesen Gedanken ignorieren. Ihm Club selbst war das Alter zum Glück wieder gemischter. Es waren auch viele Leute da, die älter als ich erschienen. Eine Sache muss ich hier los werden. Brasilianerinnen wissen wie man tanzt. Jede. Als ob es eine Gene wäre oder biologisches Gesetz. Sie bekommen es mit in die Wiege gelegt. Da ich nicht so viel Energie hatte wie die Gruppe saß ich mich kurz hin. Man konnte sich viel vormachen, doch irgendwann meldet sich die Realität und lässt einen das Alter spüren. Egal wie jung man auch aussah. Ich nahm mir die Pause gerne, bestellte einen Drink und beobachtete gespannt die Gruppe. Henrique wusste wie er die Mädchen in Schach halten musste, ohne es sich bei einer zu verspielen. Er war schon wirklich ein großartiger Junge. Eine Frau saß sich neben mich hin und bestellte sich etwas. Ich sah sie nur aus dem Augenwinkel, aber ich wusste sich nicht zu ihr zu drehen, wäre der schlimmste Fehler meines Lebens. Dann sah ich sie. Es gibt leider keine Worte, die auch nur annährend beschreiben könnten, was ich da sah. So nah, an dem Begriff Perfektion, war niemand. Wie konnte so ein Edelstein, sich hier in den Favelas verstecken. Eine Frau wie sie gehörte auf einen Thron. Grün, blaue Augen. So hell, dass man eine Sonnenbrille aufziehen musste. Eine Cremefarbene Haute, hellbraune Haare und eine Figur, die jede Telenovela übertraf. Sie trug ein blaues Sommerkleid. Wir sahen uns kurz an und sie lächelte. So schnell, waren meine Motoren nur selten aktiv. Ich stand auf und bewegte mich langsam zu ihr zu, als ein junger schwarzhaariger Mann sich zwischen uns saß und mit ihr sprach. Sie wirkten, als kennen sie sich und ich schätze ihn, als ihr Freund an. Was bei seinem gutem Aussehen, auch logisch erschien. Traurig bestellte ich mir noch einen Drink. Henrique setzte sich neben mich und bestellte ein Gin Tonic. Er fragte warum ich so enttäuscht sei. Ich schwieg. Doch er war klug. Er sah zum Pärchen, grinste und ging zu ihnen. Erschrocken beobachtete ich ihn. Er sprach kurz mit dem jungen Mann, dieser sah ihn irgendwann erschrocken an und verließ sofort die Bar. Dann wandte sich Henrique der Frau zu, gab ihr den Drink und redete kurz mit ihr. Ich betete zu Gott, dass er mich aus dem Gespräch raus halten möge. Im selben Augenblick zeigte er mit dem Finger auf mich. Die Frau sah mich verwundert an und ich wusste, wenn ich jetzt nicht kam, wäre er der Witz des Abends. Ich nahm mein Getränk und setzte mich zu ihr. Sie stellte sich als Sophia vor und machte mir einen Kompliment für meinen Job im Moulin Rouge. Sie sei selten Sänger aus Paris begegnet. Henrique grinste mich hämisch an und verschwand mit zwei von den Mädchen. Ich unterhielt mich lange mit Sophia. Sie war ein sechsundzwanzig jähriges Model. Sie empfahl mir einige Gegenden, die ich mir definitiv ansehen müsste und während so sprach, versuchte ich alle meine Instinkt zu beherrschen. Der Mann kam genervt zurück und hob mich aggressiv vom Stuhl. Fehler. Seinerseits.

Henrique kam mit Bruno, Luca und fünf weiteren Jungs dazu und fragte wie weit er noch gehen möchte. Der Mann ließ mich los, fluchte und verschwand. Die Jungs waren Gold wert. Sophia zog mich irgendwann zum Tanzen auf die Fläche. Dank meiner Zeit in Spanien war ich vorbereitet. Sie war beeindruckt und belohnte mich mit ihrer Tanzeinlage. Mein Herz war dem Stillstand noch nie näher und das trotz der Sachen, die ich hinter mir hatte. Am Ende des Abends nahmen wir ein Taxi zu ihr. Wir küssten wie wild herum. Sie schmiss mich aufs Bett und entkleidete sich vor mir. Für einige Sekunden schlug mein Herz nicht mehr. Ich hatte den Höhepunkt erreicht. Ab hier könnte es nur noch bergab gehen. So dachte ich in den ersten Sekunden beim Anblick von Gottes Wunderwerk hier, doch dann musste ich unweigerlich an sie denken. Ihr Anblick ließ mein Herz, während ihrer gesamten Anwesenheit, verrückt spielen. Ich hielt es nur für eine Bekanntschaft, doch ich spürte, sie war mir wichtiger. Verdammt, ich hatte mich verliebt. So gern ich auch hier hin schreiben würde, dass Ich Sophia beglückte wie Sangria Bernardo, muss ich passen. Es wäre gelogen. Ich entschuldigte mich und nahm ein Taxi zu Henrique. Sie sah mich an, als würde ich gegen physikalische Naturgesetzte verletzten. Zugegeben so fühlte ich mich auch. Aber so war die Liebe, nichts anderes machte wirklich mehr Sinn. Bei ihm angekommen starrte mir Henrique grinsend vom Balkon entgegen. Er verriet mir, dass er wusste, dass ich verzichten würde. Er sah es in meinen Augen seit ich da war. Er meinte sie sahen anders aus, als in Deutschland. Ich fühlte mich auch anders, seit der Wanderung in der Wüste. Henrique hingegen verabschiedete noch im selben Moment die beiden Mädchen und ließ sie auf seine Kosten mit einem Taxi nachhause fahren. Was ein Weiberheld. Er erinnerte mich in vielerlei Hinsicht an mich in meiner Jugend. Nur war er jetzt schon ein weiserer und besserer Mensch, als ich es damals je war. Wir legten uns hin und frühstückten am nächsten Morgen gemeinsam mit seinen Eltern. Wundervolle Menschen und so bodenständig wie er selbst. Beide jünger als ich. Aber nicht viel. Manuel, Henriques Vater, sei selber in Sao Paulo in einer Favela aufgewachsen. Der Hunger nach einem guten Leben und der Wunsch nach Fortschritt führten ihn ins Baugeschäft und zu seinem Vermögen. Larissa, seine Frau, erzählte wie beide sich auf einer Gala trafen und wie stolz sie auf Henrique sei. Er suche ständig nach Möglichkeiten, dass Leben in den Favelas für die Menschen angenehmer zu machen. So sei er aktiv tätig in der dortigen kommunalen Verwaltung. Als ob ich ihn nicht schon genug bewundern würde. Sie erkundigte sich nach meinem Alter. Beide kauften es mir nicht ab, also unterließ ich jegliche Versuche sie vom Gegenteil zu überzeugen. Wir bekamen noch im selben Moment eine Nachricht von Richard. Er und Jan seien momentan in Kroatien. Mein Ruf in Zagreb ginge mir voraus. So haben sie Mischa kennengelernt, der mich als verrückten Partyhelden darstellte, der ihn besoffen herum gefahren hatte. Danke Mischa, für deine interessante Version der Ereignisse.

Henrique und ich packten unsere Badesachen ein, stiegen ins Auto und holten Bruno und Luca ab. Gemeinsam fuhren nach Ipanema. Ich fand eine schöne Stelle, doch Bruno belehrte mich, dass es sich dabei um das Reich der Homosexuellen handle. Beim genauer hinsehen, fiel mir diese Einzelheit auch auf. Wir gingen weiter hinauf legten uns hin und genossen die Sonne. In den darauf folgenden zwei Wochen, besuchten wir mehrere Verwandte und Freude von ihm, besuchten ein Fußballspiel, nahmen an einem Jiu jutsu Kurs teil und tätowierte mich tatsächlich mit ihm. Er die Statue Cristo Redentor mit samt Hügel und ich die Schwarze Feder auf den rechten Unterarm. Schmerzhaft aber Wert. Die Zeit in Rio war magisch. Wir genossen jeden einzelnen Tag. Bis zu dem einen Ereignis. Wir kamen gerade vom Einkaufen und waren auf dem Weg zum Auto, als drei Motorbikes vor uns halt machten. Ich fuhr erschrocken zusammen. Vier Jungs formierten sich vor uns. Sie ließen die Helme auf. Einer von ihnen, packte ein Messer aus, und ein anderer ganz rechts, einen Revolver. Ich versuchte die Nerven zu bewahren, was mir einigermaßen gelang. Henrique lächelte er sprach mit den Jungs liebevoll auf Portugiesisch. Sie blieben Stumm. Henrique packte eine Dose Guarana aus der Tüte und bot sie an. Einer der Jungs in der Mitter musterte erst ihn, dann mich. Er hob seine Pistole und schoss auf Henrique. Alles an mir verstummte. Kein Moment kam mir surrealer vor, wie der Sturz von Henriques leblosem Körper. Nichts arbeitete mehr in mir. Mein Herz hörte auf zu schlagen, Meine Lungen unterließen es Luft einzusaugen und meine Augen unterbrachen das Blinzen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor bis Henriques Kopf auf den Boden aufschlug. Als hätte man die Zeit verlangsamt. Meine Ohren schmerzten noch vom lauten Geräusch des Schusses. Ich hörte nur ein Piepsen. Das konnte einfach nicht gerade passiert sein. Gerade waren wir noch an der Kasse und planten, was wir heute Abend essen würden und jetzt lag er da im Dreck. Mein Hals fühlte sich ganz Schwer an, als wollte er brechen, konnte es aber nicht. Die Angst lähmte sämtliche Muskel. Meine Lippen bebten und ich betete, dass der Moment oder ich verschwand. Egal was. Das durfte einfach nicht echt sein. Es konnte sich um nicht anderes handeln als einen Film. Im inneren flüsterte ich seinen Namen. Ich merkte wie mich meine Kraft verließ und ich auf die Knie fiel. Die Einkäufe landeten auf der harten Erde und man hörte die Milchpackung platzen und die Eier zerbrechen. Ich spürte nichts und ich fühlte nichts. Ich war innerlich leer und tot. Mir war in dem Moment alles egal. Ich wollte einfach nur, dass es vorbei war. Die Jungs stritten untereinander. Ich spürte wie er die Waffe auf mich richtete und schloss die Augen. Wenn es heute, hier passieren sollte, dann war es mir Recht. Wenn der Tag gut genug war das Henrique starb, dann sollte er gut genug für mich sein. Plötzlich schallten Schreie und Stimmen. Die laute Sirene eines Polizei Autos ertönte. Ich nahm es nicht ernst. So etwas würde nur in Filmen passieren. Doch ich hörte die Jungs fluchen und schnell auf ihre Bikes steigen. Motorgeräusche surrten in der Luft. Ich öffnete die Augen unter Tränen und sah ein Polizeiwagen vorbei fahren und eines anhalten. Zwei Männer stiegen aus. Einer begutachtete Henrique und sprach in ein Funkgerät, der andere sprach mich auf Portugiesisch an. Ich bekam davon nichts mit. In meinem Ohr schallte ein schriller Ton und meine Augen konzentrierten sich auf Henrique. Ich wartete darauf, dass er aufstand, sich den Dreck vom Leib schüttete und mich grinsend ansah. Doch es geschah nicht. Ich spürte mein Herz wieder schlagen. Es schlug so kräftig, dass ich angst hatte, es würde mir die Brust zerreißen. Mein Hals fühlte sich noch geschwollener an und mir blieb jegliche Luft weg, um zu schreien oder zu sprechen. Obwohl ich innerlich laut weinte. Ich kippte um. Die Nächsten Momente waren verschwommene Bilder. Henriques Eltern, die bei der Nachricht zusammenbrachen. Seine Freunde, die weinten und mich ansprachen, was jedoch umsonst war. Denn ich war in einer Schockstarre und dass, die nächsten zwei Tage. In meinem Kopf wiederholte sich permanent die Szene seines Todes. Ich sah es wie ein Film vor mir. Die Schuldgefühle warfen mich in ein tiefes emotionales Loch. Schlafen konnte ich nicht und essen, auch nicht. Ich wurde über einer Kanüle, Zwangsgefüttert. Ich fragte mich die ganze Zeit, wie ich es verhindern hätte können und was ich hätte anderes machen können. Wären wir bloß zu einem anderen Supermarkt gegangen oder zu einer anderen Zeit oder einer anderen Route. Wäre er dann noch am leben? Ich verfluchte mich für meinen Besuch in Rio. Ohne mich wäre er jetzt noch da. Sie hatten den Falschen getötet. Die Tür ging auf und Kris, Richard, Phillipe, Jan und Marius kamen mit traurigen Gesichtern herein. Sie umarmten mich und saßen sich zu mir. Leben drang wieder allmählich in mir ein. Wir schwiegen die meiste Zeit über, doch es war schön sie hier zu haben. Noch in derselben Woche versammelten wir uns zu seiner Beerdigung. Er wollte, dass sie in Rocinha statt fand. Das halbe Viertel war da. Ein leichter Regen nieselte herab und eine erdrückende Stille umgab das Gelände. Ein Priester sprach auf Portugiesisch einige Worte und Henrique wurde zu Grabe getragen. Er bestand auf eine Einäscherung, so musste nur eine Urne ihren Platz finden. Die Asche hatten wir am Abend zuvor in Ipanema vom Wind auf das Meer tragen gelassen. Ich vertraute dem Ozean mein leben an und es sorgte gut für mich. Daher konnte ich ihm, ohne schlechtes Gewissen, auch meinen Freund Henrique anvertrauen. Ich verabschiedete mich auf der Beerdigung noch einmal von seinen Eltern. Sie sagten, dass ich jederzeit willkommen sei. Sie waren und sind mir noch heute, treue und wertvolle Freunde. Wir treffen uns jährlich an Henriques Todestag. Ich halte auch noch weiterhin den Kontakt zu den Jungs. Aus ihnen alle wurden erfolgreiche Geschäftsleute, liebevolle Ehemänner und treusorgende Väter. Jedenfalls, flog ich noch am selben Tag der Beerdigung zurück in die Heimat. Ich konnte es dort nicht mehr aushalten, es tat zu weh. So gern mich Larissa und Manuel auch da behalten hätten.

Im Flugzeug blickte ich nochmal auf die Cristo Redentor Statue und dann auf meinem Unterarm. Ich zitterte und wandte meinen Blick zu dem Mond. Ein Lächeln fuhr über meine Lippen, denn ich wusste, das auch nun Henrique mir vom Mond aus zu sah.

Aufwiedersehen Cidade Maraveilhoso.

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