Pamplona

 

Daheim im Reisebüro sagte ich, dass ich mit Spanien gerne anfangen würde, und zwar mit Etwas, dass einem ein Kick vermittelte. Ich wollte wach gerüttelt werden. Hätte ich bloß meinen Mund gehalten. Die Reisebürodame, war ein Adrenalinjunkie – das wusste ich vorher noch nicht   - und buchte mir einen Flug nach Pamplona. Sie meinte jetzt im Juli, wäre es da herrlich. Ich kannte den Ort nicht, aber ich vertraute ihr. Fehler. Wir fanden einen günstigen Flug. Sei meinte, ich solle mich um eine Unterkunft lieber vor Ort kümmern. Ich nahm diesen Ratschlag an. Fehler. Schon drei Tage später flog ich los. Der Flug von Columbus nach Pamplona dauerte etwa um die siebzehn Stunden mit Stopps in Miami und Madrid. Ich durfte mich bereits jetzt von viel Geld verabschieden.

Am Flughafen angekommen spürte ich den warmen spanischen Wind. Europa hier war ich. Jedoch war ich keine Flughäfen gewöhnt. Der Flughafen in Columbus hatte mich schon verwirrt, aber der spanische hatte es in sich. Ich habe mich an vorbeilaufende Menschen gewandt, um mich nach dem Ausgang zu erkundigen. Doch diese ignorierten mich oder sprachen mich auf Spanisch an. Ich spürte sofort die Erfolge eines 3-tägigen Sprachkurses. Sie waren gleich Null. Nicht mal Danke konnte ich sagen und statt „Olá“, sagte ich „Merci“. Die Polizisten weigerten sich erst Recht, ein Wort Englisch zu sprechen, doch zum Glück standen stets Sicherheitsbeamten neben dran, die mir auf Englisch zu verstehen gaben einfach nur den Schildern zu folgen. Eine Idee, die mir hätte einfallen müssen. Ich lief durch den Flughafen und begab mich nach draußen zu den Taxis und Bussen. Ich setzte meinen Koffer - denn mehr blieb einem nicht übrig, wenn man alles, außer vier Unterhosen und zwei Socken, verkauft – auf den Bordstein ab. Plötzlich kam mir ein Gedanke. Wo treibe ich eine Übernachtungsmöglichkeit auf? Was um Himmelswillen habe ich da eigentlich gemacht? Ich hatte mein Zuhause verkauft, hatte keinen Job mehr und war nun hier mit sechstausend Dollar. Ja, ich musste noch einige Schulden begleichen und so ein uralter Ford geht für kaum was weg. Ich war am Arsch, um es unhöflich auszudrücken. Ich spürte, wie sich meine Brust zuschnürte und die Sicht schwammig wurde, doch mitten im Chaos, war da diese Erinnerung. Am Abend vor dem Flug, hatte ich ein wenig auf YouTube recherchiert, was es in meinen Orten so zu sehen gab und wie andere eine solche Reise angingen und da war ich auf ein Video mit vier jungen Herren gestoßen. Die Männer sind drei Jahre, durch die ganze Welt gereist und haben unglaubliche Filme zusammengeschnitten, sie schienen gelebt zu haben. Ich sah mir das Video an und dachte mir, ›So gelebt hast du noch nie.‹

Sie waren so wild, frei und sorglos. Sie schienen, das Leben zu nehmen wie es kommt und zu ihren Vorteilen auszugestalten. Das wollte ich auch. Also beruhigte ich mich und ermahnte mich einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich schwor mir, es im nächsten Land anderes zu machen, und nahm ein Taxi in die Stadt. Dort wollte ich, dann nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchen. Fehler. Der Taxifahrer telefonierte unaufhörlich auf Spanisch. Die Worte schossen, wie aus einem Maschinengewehr. Wahnsinn, dass er sich daran nicht verschluckte. Er setzte mich irgendwo in der Altstadt ab und fuhr weiter. Nun stand hier. In einem Land, dessen Sprache ich nicht kannte und einem Ort, von dem ich vorher noch nie gehört hatte. Ich wollte einfach nur wieder weg. Dass ich hier fast drei Monate verbringen würde, wusste ich noch nicht. Zurück zur Geschichte.

Ich lief nun planlos umher und sah mir die wunderschönen Bauten an. Hohe, altmodische Gebäude umsäumten die Straßen. Es waren mehr Leute unterwegs, als gedacht. Sie liefen umher zwischen einigen Ständen. Die meisten dieser Stände verkauften weiße Klamotten und rote Halstücher, wie auch rote Decken. Ich weiß nicht ob es der Gruppenzwang war oder die Neugier, aber ich kaufte mir auch eine weiße Hose, ein weißes Hemd, ein rotes Halstuch und eine rote Decke. Der Verkäufer erklärte mir, dass es keine Decke, sondern eine „Faja“, also eine Schärpe sei. Darüber hinaus gab er mir ein seltsames Ticket und sagte, dass ich morgen unbedingt um halb sieben hier in der Altstadt „Casco Viejo“ seien sollte. Er habe es sich, zur Liebe seiner Familie, um überlegt. Ich war verwirrt, wollte ihn aber nicht beleidigen, also nahm ich das Ticket und den Rat an. Fehler. Im Gegenzug fragte ich, wo man für wenig Geld übernachten könne. Er gab mir eine Adresse und Weganweisungen. In meinem Gesicht las er, dass ich mir null davon merken würde, also schrieb er sie mir auf. Wir verabschiedeten uns und ich ging meines Weges. Unterwegs las ich die Informationen auf dem Ticket, doch meine Spanischkenntnisse reichten nicht aus. Doch ein Wort erkannt ich wieder „Toro“; Stier.

SenhorDaSilva

Gemächlich lief ich den etwa dreißigminütigen Fußweg. Er hätte mich ruhig vorwarnen können, dass mich hier eine Strecke biblischen Ausmaßes erwartete. Ich fühlte mich, wie ein laufender Postbote der Antike. Fußschmerzen wurden meine besten Kameraden. Mal abgesehen davon, dass seine Karte so verständlich war, wie multilineare Algebra, sah hier jede Straße gleich aus. Vorsicht, nur meine bescheidene Meinung. Schließlich fand ich die Adresse. Es war ein kleines Häuschen und ein Stall. Ich musste irgendwie falsch sein, denn ich hatte ein Hostel oder eine Pension erwartet. Keine kleine Farm. Nichts in der Umgebung sah einladender aus, also betrat ich das Anwesen. Ich ging vorsichtig über den erdigen, dreckigen Boden zum Haus und klopfte an. Aus dem Stall konnte ich Hühner hören. Ein Mann mit weißem Bart und weißen Haaren, öffnete die Tür. Er war kleiner als ich, etwa um die siebzig und trug eine alte braune Jacke. Wir starrten uns beide stumm an. Ich wartete auf ein Wort von ihm, doch es kam nichts. Ich probierte es zu nächst mit Englisch. Nichts. Mir blieb nichts anderes übrig und ich versuchte, mit spanischen Wortfetzen und Körperzeichen, zu erzählen, dass ich ein Schlafplatz brauchte und etwas zum Essen. Er überlegte kurz, dann nickte er lächelnd. Ich lächelte nervös mit. Er schrie etwas ins Haus, nahm eine Mistgabel und lief an mir vorbei. Ich sah ihm ungläubig hinterher, in der Angst, dass die Mistgabel für mich bestimmt war. Er rief mir etwas auf Spanisch zu und deutete mit der Hand ihm zu folgen. Ich tat so und wir beide betraten den Stall.

Sie können sich glücklich schätzen, in einer sicheren Umgebung, diese Erlebnisse nur zu lesen. Meine Nase verabschiedete sich. Eine Mischung aus Dünger, Heu, Mist und ungewaschenem Vieh kam mir entgegen. Er nahm mir meinen Koffer ab und gab mir die Mistgabel. Ein Koffer gegen eine Mistgabel? Selbst ein Greenhorn, wie ich wusste, das dieser Deal schlecht war. Mein Koffer war wenigstens ein Huhn und ein frisches Glas Milch wert. Ich kam mir vor wie ein Käufer, der auf dem Flohmarkt betrogen worden ist. Ich wollte einfach nur meinen Koffer zurück. Er sah mich erwartungsvoll an und ich sagte im gebrochenen Spanisch, dass ich nichts verstand. Er nahm mir die Mistgabel wieder ab, legte den Koffer hin und schaufelte ein Heuhaufen auf einen anderen. Wow. Da würde jeder Gabelstapler neidisch werden. Er gab mir wieder die Mistgabel und forderte mich auf es ihm gleich zu machen. Ich wusste nicht, ob ich rennen sollte oder einfach nur still stehen bleiben. Er fing wieder an zu sprechen und diesmal hörte ich das spanische Wort für Essen. Ich schätzte, er wollte, dass ich mir mein Essen und das Bett verdiente. Eine Vermutung, die sich als goldrichtig herausstellen sollte. Ich nahm die Herausforderung an und begann die Haufen zu stapeln. Er sah mir eine Weile glücklich dabei zu und ging dann mit meinen Koffer davon. Das machte mir Angst. Ich wollte die Gabel nach ihm werfen, entschied mich, aber dann doch dafür ruhig zu bleiben. So arbeitete ich einige Stunden, bis am Abend ein Junge in den Stall kam. Er war wahrscheinlich kaum älter als acht. Er gab mir ein Teller mit Mais, Reis und Bohnen und einen Krug Wasser. Ich griff zu, wie ein ausgehungerter Gefangener. Dem Jungen gefiel es. Er stellte sich, in gutem Englisch, als Valentino vor. Der Enkel von Bernardo, meinem Stallherr. Valentino und ich unterhielten uns einige Zeit und er erzählte mir, dass hin und wieder Leute zu ihnen kamen, um gegen Obdach und Verpflegung zu arbeiten. Ich dürfe im Gästezimmer schlafen, dass ich mir mit ihm teilen müsse. Sie wären eine kleine Familie. Nur er, seine Mutter und sein Opa. Seine Mutter sei noch auf der Arbeit.

Valentino fand es aufregend, dass ich aus USA kam. Er fragte weiter, ob ich morgen zum letzten Tag, des großen Event gehen würde. Bevor ich nachhaken konnte, was er meine, rief eine Stimme nach ihm. Es war eine wundervolle Stimme. Valentino sah mich an und bat mich mitzukommen. Ich tat nichts lieber als das. Meinen Geruchsinn, hatte ich nun bereits verloren. Die anderen Vier wollte ich behalten. Draußen sah ich den spanischen Nachthimmel und wichtiger – Carla. Ein wahrer Hingucker. Schwarze lange Haare, gebräunte Haut, braune Augen, volle rötliche Lippen, feine Gesichtszüge und einen Körper, wie nur Gott es hätte entwerfen können. Ich blieb ehrfürchtig stehen. Aber nicht nur wegen ihrer betörenden Schönheit, wohl eher weil sie ein Gewehr auf mich richtete. Sie schrie Valentino Sätze zu und er erklärte ihr panisch etwas. Sie sah mich verwundert an und Valentino stellte mich auf Englisch, als den neuen Mitbewohner vor. Sie senkte das Gewehr. Sah mich aber noch misstrauisch an. Ich meinerseits, musste nachher definitiv die Unterwäsche wechseln. So wurde ich noch nie begrüßt. Ich sag Ihnen; Sie wurden noch nie so schnell gläubig, wie wenn jemand, ein Waffe auf Sie richtet. Nun verstand ich auch die brutale Vorgehensweise der Missionare damals. Valentino stellte mir seine Mutter vor. Er musste mich an den Händen ziehen, damit ich vorwärts kam. Carla nahm sich die Freiheit, aufs Händeschütteln zu verzichten. Sie entschuldigte sich nicht mal. Die ersten englische Worte, die ich von ihr hörte waren: »Sie sollten duschen, Señor.«

Valentino entschuldigte sich für sie und gestand mir, dass es lange her war, seit dem letzten Gast. Kein Wunder, wenn seine Mutter alle so begrüßte und verabschiedete. Das Haus war zwei stöckig und altmodisch hergerichtet. Valentino führte mich die Treppe hoch zu meinem Zimmer. Ich konnte Carlas Blick auf meinem Nacken spüren. Temperament schön und gut, aber das war Hass. Ich kannte diesen Blick. So sah mich Megan bei den Anwälten an. Zu ihrer Verteidigung. Der Blick war berechtigt. Ich hatte die Ehe in die Brüche gehen lassen. Doch kehren wir zurück zur Geschichte. Das Zimmer war sehr übersichtlich. Ein Bett, ein Fenster und eine Kommode. Mein Koffer lag bereits in der Ecke neben einer alten Matratze. Ich wechselte meine Unterwäsche und suchte das Bad auf. Es war lang her, dass ich mich in einem Spiegel ansah. Mir sah ein muskulöser gutaussehender Mann entgegen, doch seine Augen. Die sonst so fröhlichen blauen Augen, wirkten nun blass und kalt. Wo war das Feuer, das sonst in ihnen brannte? Ich musste mich wieder finden. Ich wollte nicht mehr so sein. Ich zog mich wieder an und begab mich die Treppe runter. Carla wartete dort auf mich. Sie sah mich überrascht an. Ich konnte ihren Blick nicht deuten. Von „Zum Nachtisch gibt’s Patronen“ bis zu „Willkommen zu Hause, Don Juan“ war alles dabei. Ich entschied mich nicht länger darüber nachzudenken und folgte ihr still in die Küche. Sie wechselte kein Ton mit mir und vermied jeglichen Augenkontakt. In der Küche war Bernardo noch an einem kochenden Topf, so dass Carla und ich schon mal Platz am Tisch nahmen. 

 

Eine gläserne Karaffe mit einer roten Flüssigkeit stand auf dem Tisch. Carla saß mir gegenüber. Wir tauschten ab und zu schüchterne Blicke aus. Gott, ich fühlte mich, wie ein Mitglied von Weight Watchers, das ein Stück Kuchen ansah. Man wollte es unbedingt haben, durfte es aber nicht. Carla stand auf und servierte Drei Teller, Besteck und drei Gläser. Sie sah mich dabei nicht ein einziges Mal an. Diese Frau wusste, wie man einen Mann an seiner Existenz zweifeln ließ. Bernardo summte glücklich herum. Sie nahm wieder Platz und er kam mit dem Topf zum Tisch. Es war Chili con Carne. So scharf wie ihre Kur ... bleiben wir sachlich. Bernardo gab sich und ihr eine Portion. Ich nahm mir meine selbst. War wohl Buffet-Stil hier. Er sah uns beide mit einem hämischen Grinsen an. Ihr war es sichtlich unangenehmer als mir. Er öffnete seinen Mund, aber sie war schneller. Gereizt fragte sie mich, wie lange ich vor hätte zu bleiben. Ich blieb ehrlich und antwortete, dass ich keinen Termin hatte und nur so lange blieb, wie sie damit klar kämen. Sie konterte frech: »So kurz nur?«

Ja, sie war eine Nummer für sich. Bernardo spürte die Anspannungen und füllte unsere Gläser mit, was sich später als, Sangria rausstellte. Ein furchtbar süßes Getränk. Es schmeckt, zugegeben. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass das Zeug heftig zu schlug. Nach nur drei Runden, wurde aus dem Stalingrad das Woodstock. Wir lachten unaufhörlich und Bernardo erzählte im gebrochenen Englisch einige Witze. Unangemessen für diese Lektüre. Verzeihen Sie mir bitte. Jedenfalls, amüsierten wir uns prächtig. Carla übersetzte eine Frage von Bernardo an mich. Er wollte wissen, ob ich am Stierlauf teilnahm. Ich informierte mich worum es dabei ging. Scheinbar gab es Geistesgestörte, die jährlich um diese Zeit, eine Strecke, von etwa 825 Metern, mit Stieren teilten. Die Strecke führe durch die Altstadt und reiche bis zur „Plaza de Toros de Pamplona“, also zur Arena. Ich fragte verwundert, warum Leute, so einen Schwachsinn machen würden. Schließlich gab es Gewehre, um sich ein Ende zu setzten. Warum Stierlauf, wenn man auch Carla besuchen konnte. Tut mir leid, Carla. Du weißt, dass ich nicht mehr so denke. Zurück zur Geschichte. Sie sah mich verwundert an, als hätte ich ihren Glauben in Frage gestellt. Sie meinte aufgeregt, dass es darum ginge dem Tode so nahe zu seien, um das Leben wieder zu schätzen. Zu kosten wie es sei, den müden Alltag zu entkommen und einfach nur verrückt zu seien. Nun ja, alles Dinge, die mir gefielen, aber ein Stier musste es nicht sein. Ich fragte, ob sie daran teilnehme und lachte. Sie sagte platt, dass sie bereits sechs Mal mitgelaufen sei. Damals, als sie noch nicht Valentino hatte. Sechs Mal? Fragt sich nur, wer von wem, weggelaufen ist. Ich sagte ihr, dass ich so etwas nie tun würde. Sie meinte, darum sei ich nicht ihr Typ. Sie wollte echte Männer. Männer, die der Gefahr ins Auge sahen, den Atem des Stiers im Nacken spürten und vor niemanden halt machten. In Prinzip wollte sie Herkules oder einen Spartaner. Mit beidem hatte ich nichts gemein. So sehr sie mir auch gefiel, ein Horn im Rücken, gab ich mir nicht. Ich musste kurz an das Ticket denken, dass mir der Verkäufer gab. Doch lag es im Zimmer und ich war zu faul, um es zu holen. Fehler. Carla und ich machten den Abwasch. Ich versuchte einige Annäherungsversuche. Sie waren so erfolgreich wie die Jom Kippur Kriege gegen Israel, also gab ich auf und ging erschöpft ins Bett.

Ein langer Schlaf musste her. Doch ich sollte mich irren. Gegen sechs Uhr morgens weckte mich Valentino aufgeregt und jubelte mir zu, mich fertig zu machen. Ich fühlte mich eigentlich noch ziemlich platt, aber ich wollte ihn nicht enttäuschen, also stand ich auf. Da er sich weiß anzog mit Schärpe und Tuch, tat ich es ihm gleich. Carla wartete mit Bernardo unten in der Küche. Wir aßen zügig, während Valentino seine Freude nicht zurückhalten konnte. Carla fragte, warum ich so angezogen sei, wie ein Läufer. Ich antwortete, dass ich mich nur anpassen wollte. Die ersten Sorgen kamen auf. Wir verließen, dass Haus und begaben uns in die Altstadt.

Unzählige Menschen waren da. Spanische Musik und großer Jubel, lag in der Luft. Aus den Fenster und Balkone sahen viele Menschen hinab. Mehrere Security Leute sortierten die Menschen in zwei Gruppen. Gruppe A, die Zuschauer, die sich in ein Haus begaben und Gruppe B, die Geistesgestörten, die alle eine Straße entlang liefen. Wir stellten uns zu viert vor einem der Aufseher. Er nahm Carlas, Bernardos und Valentinos Ticket und schickte sie zur Gruppe A. Ich gab ihm meines und lächelte den Drei zu. Der Mann fragte mich etwas auf Spanisch. Ich wusste keine Antwort, also wies er mir den Weg zur Gruppe B. Ich erstarrte und sagte, dass es ein Fehler sei. Doch er ignorierte mich und ein bewaffneter Kollege drängte mich zu den Läufern. Carla sah mich verwundert an. Bernardo sah schockiert aus. Nur Valentino feierte meinen Weg. Ich hätte mich mehr wehren sollen, nur war ich so schockiert, dass ich in einer Angststarre verfiel. Ich war der Einzige, wirklich der Einzige, unter den Läufer, der aussah, als wäre er dem Herzinfarkt nahe. Alle um mich herum waren euphorisch und gut drauf. Ich wandte mich an die Menschen und fragte nach einem Ausgang. Sie lachten mich nur an und zogen mich mit, die Straße hinauf. Ich blickte nach links und nach rechts. Barrikaden waren an den Straßenöffnungen errichtet worden. Dahinter jubelnde Menschen. Ich plante, über eine der Barrikaden zu klettern, als plötzlich ein Gesang begann. Ich verharrte still und versuchte zu identifizieren, aus welcher Richtung die Stimmen kamen. Einige der Menschen, um mich herum sangen mit. Das konnte nur ein Alptraum sein. Ich lief los zur Barrikade, doch Menschenmengen, versperrten mir den Weg. Ein schriller Ton ertönte in der Ferne und die Ersten rannten los. Ich blickte verzweifelt umher, während immer mehr Menschen, das Weite suchten. Plötzlich sah ich sie in der Ferne. Sechs Bullen und ein Paar Ochsen. Die Erde bebte um sie herum. Kurze Geschmacksprobe wie sich dieser Anblick anfühlte? Achtung hier kommt sie: »--------------------.« Das war sie. ES GIBT NICHTS, DASS SICH SO ANFÜHLT. Wann rennen einem bitte, im normalen Alltag ein Haufen wütender Stiere entgegen? Und dass ohne Rückzugsmöglichkeit. Ich spürte wie ich wieder Besitz über meinen Körper erlangte und fing an los zu rennen. Forrest Gump war ein Witz neben mir. Ich rannte, so schnell ich konnte und suchte mit den Augen nach Barrikaden zum drüber klettern, denn für meine ursprünglichen erwählte, war es zu spät.

Ich dachte früher, als ich Verfolgungsjagden im Film sah, wie bescheuert die Figuren waren. Sie alle rannten immer gerade aus, statt über die Seiten zu verschwinden. Doch jetzt verstand ich sie. In solchen Momenten regiert Adrenalin ihr Oberstübchen und seine einzige Aufgabe ist es, so viel Tempo und Abstand aufzubauen, wie nur möglich. Und das geht nur gerade aus. Also sagte meine rationale Seite: »spring über die Bande« und mein Instinkt »Renn so schnell wie du kannst hinter der Menge her.«  

Am Ende sahen sie mich und hunderte Spanier die engen Gassen entlang rennen. Natürlich holten die Stiere uns ein. So ein Vieh bekommt mal locker fünfundzwanzig km/h hin. Unser Rennen war, als würden Sie einen Formel-Eins Wagen gegen ein Bobby Car antreten lassen. Die Niederlage war vorprogrammiert. So kam es, dass ich das spürte, was Carla so anturnte. Ich spürte den Atem, des Stiers im Nacken. Keine schöne Erfahrung. Feucht, kühl und eindeutig zu nah. Ich rannte, so nah ich konnte an der Seite und sah, wie der Stier an mir vorbei rannte. Unglaublich. Genau in diesem Moment. Fühlte ich mich so lebendig, wie noch nie zuvor. Ich verstand mit einem Mal, wovon sie sprach. Ich lief mit dem Tod, Seite an Seite. Ich spürte mein Herz pulsieren und den Boden beben. Es war unbeschreiblich. Vor mir zertrampelnden sich Menschen und andere nutzten meine Barrikaden-klettern-Idee. Gute Sache, dass ich das nicht tat, denn ein Andere wurde von einem Bullen gegen die Barrikade gerammt. Nicht tödlich, aber schmerzhaft genug. Ich rannte weiter und die Stiere rannten an mir vorbei, so dass ich ihnen auf ihrer restlichen Strecke zu sehen konnte. Ich weiß nicht warum, aber ich schrie glücklich los. Mein Körper zitterte, aber mein Gesicht strahlte. Ich fühlte mich unsterblich. Ich hatte den Tod erfolgreich bezwungen. Über mich jubelten mir unzählige Menschen zu. Sie schmissen Rosen und Tücher. Vor vier Tagen, war ich noch ein langweiliger Broker und jetzt stand ich auf den Straßen Spaniens und erblickte die rohe Gewalt Mutter Natur‘s. Ich verzichtete auf den Spaß in der Arena und kletterte über die Bande. Auf dem Platz, traf ich wieder Carla und die Anderen. Ich war wie elektrisiert. Die Worte schossen nur aus mir raus. Valentino feierte mich mit großen Augen. Bernardo dankte dem Herren und Carla blickte mich fasziniert an, während sie mich auf Wunden kontrollierte. Den Rest des Tages feierten wir mit den Einwohnern, tranken zu viel Sangria und amüsierten uns prächtig. Zu Hause angekommen, ging ich in die Dusche und sprang gleich ins Bett. Ich war K.O.

Carla kam in mein Zimmer und setzte sich zu mir auf das Bett. Sie fragte, ob ich sonst noch etwas brauche. Ich verneinte es und sie sah mich einen Augenblick nachdenklich an. Schließlich öffnete sie ihren Mund und fragte, warum ich das getan hatte. Ich sagte, es war spontan, aber das Beste, was ich tun konnte. Und das meinte ich auch so. Sie blickte mich weiterhin nachdenklich an und verließ, das Zimmer. An der Tür wünschte sie mir noch einmal gute Nacht. Doch diesmal, nannte sie mich beim Vornamen. Zum ersten Mal.

Die nächsten Tage verliefen relativ ähnlich. Vormittags arbeitete ich im Stall. Mittags machte ich mit Valentino zusammen die Hausaufgaben. Danach nahm Bernardo mich mit zu seinen Freunden. Es wurde irgendwie immer getrunken. Ich kam nie nüchtern zurück. Es war ein fröhlicher Ort. Jeder grüßte jeden. Man kam sich vor, wie in einer großen Familie. Sogar mit Carla ging es voran. Sie nahm sich öfter mal Zeit für mich und führte mich durch die Gegend. Wir fingen, langsam an uns zu verstehen. Etwas das Bernardo und Valentino fröhlich betrachteten. Eines Tages, lud Bernardo eine Menge Leute zum Hof und wir feierten eine Fiesta. Keiner der Gäste sprach auch nur einen Hauch Englisch, aber das machte nichts. Mein Spanisch war inzwischen ganz okay. Carla und Valentino hatten mir viel beigebracht. Ich konnte es nicht fassen, da unterhielt ich mich tatsächlich mit Spaniern auf Spanisch. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Sie sprachen mich oft auf das Stierrennen an. Und dreimal dürfen sie raten. Wir tranken wieder Rotwein und Sangria. Bernardo stellte halt seinen Eigenen her. Der Mann wusste, wie er seinen Durst stillen musste. Pärchen fingen an, zur rhythmischen Musik zu tanzen. Ich sah Carla an. Sie sah wunderschön aus in ihrem roten Sommerkleid und der Blüte im Haar. Sie war die schönste Frau auf dem ganzen Platz. Nein in ganz Spanien. Ganz sicher. Ich wollte sie zum Tanzen auffordern. Nur konnte ich nicht tanzen. Das regte damals auch schon Megan auf. Sie sah schüchtern zu mir rüber. Ich verfluchte mich und zwang mich zu ihr zu gehen. Doch es war schon zu spät. Irgendein Möchtegern Schönling kam und forderte sie auf. Sie sah noch einmal enttäuscht zu mir und fing an mit ihm zu tanzen. Da hatte ich wirklich geniale Arbeit geleistet. Bernardo kam von hinten und sagte zu mir, dass ein gutaussehender Mann wie ich zu sehr in Fragen denke. Mit dieser Einschätzung ließ er mich alleine und ging. Ich überlegte angestrengt, was er meinte, als zwei junge Mädchen zu mir kamen und mich zum Tanzen aufforderten. Beide ungefähr sechszehn. Ich tat ihnen den Gefallen und tanzte mit. Ich muss, wie ein Affe ausgesehen haben. Stellen Sie es sich so vor; Die anderen tanzten wie John Travolta oder Patrick Swayze und ich zuckte wie ein Idiot, der in einen Stromzaun gelandet ist. Den Mädchen schien es dennoch zu gefallen. Auch Carla sah mich lächelnd an. Sie mussten so blind sein, wie sie schön waren. Hier an der Stelle ein großes Kompliment an Spanien. Viele schöne und großherzige Menschen. Zurück zur Geschichte.

Carla befreite sich von ihrem Partner und kam zu mir. Oh Gott, mir sank das Herz in die Hose. Sie war ein anderes Kaliber. Die Mädchen machten beleidigt Platz und Carla zog mich heran. Sie tanzte die Bewegungen vor und ich versuchte sie nicht all zu blamieren. Bernardo und Valentino feierten diesen Anblick. Carla wusste sich zu bewegen. Meine Augen wanderten unaufhörlich ihren Körper hinab und hinauf. Es dauerte nicht lang und ich entwickelte ein Gefühl, wie ich mich bewegen musste, um nicht wie ein krampfhafter Zombie auszusehen. Sie lachte bei jedem meiner Ausrutscher und lobte mich für meine Anstrengungen. Wir sahen uns kurz in die Augen und für einen Moment hörte ich keine Musik, keine jubelten Menschen, keine lachenden Kinder, keine Gläser klirren, keine Tiere stöhnen, keinen Verkehr, sondern einzig und allein den Wind, still pfeifen. Dieser Moment war unsterblich. Das wussten wir beide. In diesem Moment fühlte ich mich – zu Hause. Sie wandte schüchtern den Blick ab und wir beide tanzten das Lied zu Ende. Tosender Applaus verhallte und alle Paare, mitsamt uns, traten ab. Ich suchte nach einem Glas Wasser. Bernardo gab mir Wein. Und dann wieder. Und wieder. Und wieder. Und mit jedem Mal, den er mein Glas füllte, sanken meine Bemühungen mich zu wehren. Er hatte mich da, wo er mich wollte. Er fand in mir seinen Sauf-Azubi/-Partner. Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich keine Erinnerungen mehr vom Rest des Tages habe. Ich weiß nur, ich wachte mit einem Mann namens Eduardo im Stall auf. Ich auf einem Heuhaufen und er irgendwo hinten zwischen den Kühen. Valentino saß auf einem Haufen vor mir, mit einem Apfel in der Hand. In meinem Kopf tanzten alle Zellen noch Flamenco. Mein Körper fühlte sich so brauchbar an, wie eine reifenlose Schubkarre. Ich sah an mir herab und bemerkte, dass ich noch die selben Klamotten trug, wie gestern. Nun ja, vergessen wir die Sangria Flecken. Ich sah hinüber zu Eduardo. Er lag nackt auf dem Boden. Ein verstörender Anblick. Valentino sah die Panik in meinem Gesicht und sagte, dass er sich dort immer nackt nach einem Fest hinlege. Wir beide hatten nicht mal ein Wort mit einander gewechselt. Ich ging mit Valentino rein. Carla saß mit  Bernardo und einer weiteren Frau am Tisch. Sie sahen mich grinsend an. Ich schämte mich so sehr. Nichts gegen das Aufwachen im Stall, aber ich sah so aus, wie ich mich fühlte; zerstört. Ich nahm meine Dusche und machte mich fertig für die Arbeit im Stall. Eduardo kam mir in Klamotten entgegen. Wir nickten stumm und ein jeder ging bzw. torkelte seines Weges.

Es war Sonntag und Carla kam mit Valentino in den Stall, um mir zu helfen. Wir arbeiteten nicht lange, da sie sagte, es sei unüblich, für sie sonntags zu arbeiten. Wir nutzten die Zeit also und machten zu dritt ein Picknick. Es war ein seltsames Gefühl. Zum einen, fühlte ich mich unheimlich gesegnet, aber gleichzeitig auch unheimlich schuldig. Ich fühlte mich, als ob ich meine eigene Familie betrügen würde, auch wenn ich wusste, dass wir so ein Picknick nie wieder haben würden. Bizarre Situation. Carla sah meine Besorgnis und beruhigte mich mit gutem Essen. Valentino ging spielen und Carla und ich sprachen über unsere Vergangenheit. Sie musste mit ihren dreiunddreißig Jahren bereits viel durch machen. Valentinos Vater musste ein grausamer Mann sein. Er tat beiden unvorstellbare Dinge an. Es kostete sie viel Kraft, die Polizei einzuschalten. Er sei verschwunden und habe sich nie wieder blicken lassen. Valentino habe vor langer Zeit aufgehört, nach ihm zu fragen. Trotz der Dinge, die er ihm antat. Erst jetzt sah ich Valentinos schiefen Gang, wenn er rannte und wurde wütend. Wie können wir uns Menschen, bloß gegenseitig so grauenhafte Dinge anstellen? Millionen Jahre Evolution, damit wir am Ende tierischer sind, als jedes Tier. Mephisto hatte damit ganz Recht. Carla beruhigte mich. Dies liege nun schon so weit zurück. Wir sollten im Augenblick leben, denn die Vergangenheit, als auch die Zukunft, seien außerhalb unsere Reichweite. Menschen taten sich selbst nicht gut, beim Bedauern der Vergangenheit oder dem Fürchten der Zukunft. Sie fragte mich, wo ich als Nächstes hinwolle. Ich nannte Paris. Ihr gefiel mein Ziel. Sie meinte, ich bräuchte, dafür aber viel mehr Geld. Also bot sie mir kurzer Hand, einen Job bei ihr im Hotel an. Sie war dort Putzfrau. Ich fand die Idee genial und fing schon am nächsten Tag, an der Rezeption an.

Die Wochen verstrichen und aus Tom Lee Baker, war ein braungebrannter, spanisch sprechender Gringo geworden. Die drei waren mir ungemein ans Herz gewachsen, doch ich wusste, wenn ich jetzt nicht gehe, dann gehe ich nie. Ich wollte und musste die Welt sehen. Ein Wille, der sich später, als absolut richtig darstellte. An meinem letzten Abend schmiss Bernardo mir zu Liebe noch einmal eine Feier. Und wieder war die halbe Nachbarschaft da. Diesmal kannte ich die meisten beim Namen. Wir tanzten, sangen, lachten und tranken uns die Seele aus dem Leib. Ich war so dankbar, genau hier, genau jetzt, da zu seien.

Carla nahm mich kurz mit ins Haus und überreichte mir einen Stift und ein Tagebuch. Sie bat mich ab sofort, alles auf zu schreiben, damit sie es lesen kann, wenn ich mit der Weltreise fertig bin. Was für eine Frau. Danach verabschiedete sie mich auf ebenso temperamentvoller Art, wie sie mich anfangs begrüßte. Der Abschied gefiel mir um einiges mehr. Wir kehrten zur Party zurück und ließen noch einmal alles raus. Der Abend nahm seinen Lauf und ich fand mich wieder am Bett von Valentino. Jetzt würde der harte Teil kommen. Er wurde für mich fast schon zu so etwas wie ein Sohn. Ich hatte mit ihm mittags gespielt und abends Geschichten vorgelesen. Ich würde ihn schon sehr vermissen. Vieles an ihm erinnerte mich an Nigel. Valentino hielt tapfer die Tränen zurück, umarmte mich und gab mir eine Weltkarte, damit ich die Orientierung nie verliere. Wenn das mal nicht der klügste Achtjährige der Welt war. Wir verabschiedeten uns und am nächsten Morgen brachte mich Bernardo noch zum Flughafen. Ich umarmte ihn und versprach, irgendwann auf eine Runde Sangria zurückzukehren. Daraufhin bot er mir an, vor dem Flug noch einen mit ihm zu trinken. Um Gottes Willen es war zehn Uhr morgens. Ich lehnte freundlich ab und betrat den Flughafen. Im Flugzeug betrachtete ich Valentinos Karte, Carlas Buch und meine Schärpe. Ich hatte mir diese Geschenke redlich verdient. Und nun hieß es Paris.

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