München

Die Fahrt verlief sehr ruhig. Wenn die Jungs mal nüchtern waren, konnte man sehen wie klug sie sind. Henrigue und Kris studierten. Richard und Marius verkauften Versicherungen. Philipe arbeitete im Reisebüro und Jan war im Kundenservice eines großen Klamottenhändlers tätig. Wir tauschten oft den Fahrersitz. Die deutschen Autobahnen sind schon der Wahnsinn. Hier gab es doch tatsächlich Strecken mit „unbegrenzter Geschwindigkeit“. Wenn das nicht der Traum ist! Unser Van, konnte zwar nicht schneller als 140 Km/h, aber trotzdem ein schöner Anblick. Ferrari Fahrer, mussten hier viel spaß haben.

Die meiste Zeit fuhr ich und stellte mir vor, wie es daheim wäre, wenn wir so schnell fahren könnten. Nigel hätte sich wahrscheinlich schon längst umgebracht, wie ich ihn kenne. Der Junge ist halt ein Adrenalin Junkie. Von mir hatte Der das nicht. Dachte ich bis zu dem Zeitpunkt. Wir fuhren einige Stunden in Süden bevor ich München auf einem Schild sah. Das Schild kam schneller als gedacht. Die Unterscheidung zwischen Meilen und Kilometer vergaß immer noch. Deutschland hatte wirklich eine schöne, natürliche Landschaft zu bieten. Sah alles sehr ruhig aus. Ich hielt verzweifelt Ausschau nach Brauereien. Konnte leider keine entdecken. Nach einigen Kilometer, gelangten wir in München an. Man spürte das deutlich am extremen Verkehr. Wie konnte es um halb vier Uhr Morgens, so einen Stau geben. Philipe saß am Steuer und verfluchte auf Portugiesisch eine Autofahrer, während ich an diesem Buch schrieb. Richard fragte zwischen durch immer mal wieder, ob ich an einer erotischen Stelle angekommen sei. Ob er sich so auch vor seinen Kunden verhielt? Henrique und Marius planten ihre Route, durch das Fest und Jan telefonierte. Deutsch klang schon seltsam. Ich wiederholte einige seiner Worte in meinem Kopf, doch konnte ich mir ihm geringsten nicht vorstellen, wie sie buchstabiert werden.

Jan beendete sein Telefonat und ich bat ihn mir einige deutsche Sätze und Worte bei zu bringen. Er war begeistert davon. Ab dem Zeitpunkt, entertainte mein armseliges Deutsch das komplette Fahrzeug. Damit verschwamm die lange Wartezeit und wir gelangten in München an. Das Okt ... Verzeihung ... Das Wiesn fand etwas außerhalb statt. Einen Parkplatz zu finden, war so wahrscheinlich wie ein Sieg der Detroit Lions. Kleiner Scherz am Rand. Go Lions. Philipe hatte ein Trumpfkarte von der ich nichts wusste. Er parkte auf einen Behindertenparkplatz, zog eine Karte heraus und legte sie hin. Jan fragte, was das sei. Philipe antwortete, das es sich um eine Behindertenkarte seiner Tante handelte. Jan wies ich darauf hin, dass sie deutsch seien muss. Philipe konterte mit der Ausrede, dass es rassistisch sei die Behindertenkarte nicht zu akzeptieren. Jan gab auf und wir verließen, dass Auto. Meinen Rucksack ließ ich im Auto. Die Jungs zogen sich hinter dem Van um und kamen mir alle in Lederhosen entgegen. Verdammt daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Oktoberfest ohne Lederhosen, wäre wie der vierte Juli ohne Feuerwerk. Eine Straftat. Philipe und Richard konnten an meinem Blick ablesen, dass ich nichts hatte. Sie erkundigten sich kurz nach meiner Konfektionsgröße und verschwanden. Ich sah ihnen verwundert hinterher.

Mit Henrique, Jan, Marius und Kris ging ich in ein kleines Café. Es war die erste deutsche Speisekarte, die ich in der Hand hielt. Sie hätten mir genau so gut eine chinesische vorlegen können, denn am Ende verstand ich nichts. Trotz der westlichen Buchstaben. Ich bekam eine englische Karte und entschied mich für Nürnberger Würstchen, Rührei und Speck. Eine mollige Kellnerin kam uns entgegen und nahm die Bestellungen entgegen. Ich versuchte auf Deutsch meine Bestellung zu äußern. Vergeblich. Ihr verwirrtes Lächeln, spiegelte den Erfolg meines Versuches wieder. Henrique war so frech und bestellte uns gleich jedem ein Maß Bier. Ein Liter am Morgen. Warum nicht? Nach dem ersten Schluck daraus, zweifelte ich an einen sicheren Abend. Das Zeug schmeckte gut und das war gefährlich. Kleiner Tipp. Was gut schmeckt, hat es oft in sich, denn es nimmt Zeit, bevor es seinen Knock-Out landet. Ich sollte mich jedoch bei deutschem Bier irren. Es schlägt sofort zu. Absolut gnadenlos. Nach einer Weile trafen Richard und Philipe mit einer Lederhosen und einem Hemd auf. Beides in meiner Größe. Meine Frage, woher sie es haben, ließen sie unbeantwortet. Ich nahm es einfach mal so hin und zog mich auf der Toilette um, während sie bestellten. Es saß wie angegossen und ich nahm an, dass man sich ganz üblich, wie ein Idiot in den Sachen vorkam. Nichts gegen bayrische Mode. Ihr rockt. Auch wenn es nicht meins ist.

Da das Wiesn unter Woche bereits um zehn öffnet und wir 9:40 hatten, verließen wir das Lokal. Wir begaben uns zur Theresienwiese. Die Lederhosen kniffen ganz schön im Schnitt, aber ich ging davon aus, dass der Alkohol einen schon dieses Problem vergessen ließ. Vor dem Eingang stand bereits eine kolossale Schlange. Wahnsinn, wie sie alle um zehn schon stramm standen. Richard griff mir an die Schulter und sagte, dass hinter diesen Touren, sein Untergang wartete. Eine Dramatiker von dem Herren. Ich dachte es sei ein Scherz, aber ich konnte die Ernsthaftigkeit in seinem Gesicht lesen. Eine beunruhigende Sache. Ich versuchte ihm zu erklären, dass Alkohol keine Lösung sei, aber mit meiner Alkoholfahne, verlor ich an jeglicher Glaubwürdigkeit. Sie würden einem auch nicht von Fleisch abraten, während sie selber, dabei ein T-Bone Steak verspeisen. Richard lächelte mich nur an und trank mit Kris und Henrique einen Kurzen. Ich ließ meinen Blick durch die Schlange fahren und bemerkte eine Sache. Ich liebe Dirndl. Sie holen das Beste aus der Frau. Aber zurück zum Geschichte. Die Zeit verging und wir bezahlten unseren Eintritt.

Ich hoffte, dass man für den stolzen Eintrittspreis auch was bekam. Eine Hoffnung, die schnell erfüllt wurde. Der Markt war riesig. Es war wie ein Freizeitpark für Alkoholiker. Mit den Jungs zusammen, liefen wir gemächlich hinein. Wir würden noch zwei Stunden, warten müssen bevor, das Bier ausgeschenkt werden sollte. Das erzählte mir Jan. Also nutzen wir die Zeit, um uns einen Überblick zu verschaffen und mir meine erste deutsche Bratwurst zu besorgen. Ein Genuss! Allein die Wurst, war den Eintrittspreis wert. Ebenso wie die schönen Frauen, die im Dirndl vorbei liefen. Es waren sehr viele große Frauen unter ihnen. Nach Spanien und Frankreich, war das eine Umgewöhnung. Wir sahen uns die Zelte an. Jedes von ihnen stehe für eine Brauerei. So erzählte es mir Richard. Aber wer wusste schon, ob er Recht hatte. Ich nahm seine Erklärung an. Irgendwann sahen wie einen großen Hügel. Marius beschrieb ihn als die „Koma-Wiese“. Dort landeten Kameraden und Kameradinnen, die nicht mehr weiter können und sich ausnüchtern mussten. Richard reservierte sich imaginär einen Platz und ich bekam erste Grundrisse davon, was mir bevorstand. Ich schwor mir noch im gleichen Moment, nicht den Babysitter zu spielen. Damit hatte ich die Rechnung, ohne das Schicksal gemacht. Doch dazu, mehr später. Es war zwölf und das fröhliche Trinken konnte beginnen. Mich überforderte die Auswahl. Alles lauter Namen, die ich nicht verstand. Ich dachte es ging nur um Bier. Ein Deutscher neben mir erzählte, dass es um mehr ging als nur Bier. Die Brauerei sei eine Kunstform. Eine Art sich selbst auszudrücken. Ich Amerikaner würde, dass aber eh nichts verstehen. Ich lächelte ihn stur an und verfluchte sein ganzes Leben im Kopf. Der Verkäufer wandte sich zu mir und fragte mich, was es sein darf. Ich nahm, dass Erste auf der Liste und verlor über Acht Euro an meinen Krug. Acht Euro. Man hätte mich ruhig vorwarnen können, dass man Millionär seien muss, um hier Spaß zu haben. Ich fing an Bernardo's Sangria zu vermissen. Deprimiert nahm ich meinen ersten Schluck und Begeisterung stieß in mir hoch. Ich weiß nicht was ich dort trank, aber es war pure flüssige Liebe, frisch aus dem Fass. Der Deutsche sah meine Begeisterung und gab mir Einen aus. Mathias hieß er. Netter Kollege. Wir tranken und er erzählte von seiner Arbeit als ehemaliger Kellner im Hofbräu. Einer bayerischen Gaststätte.

Jedenfalls entnahm ich, dies seinen nuschelnden Worte. Zu meiner Linken versuchten die Jungs eine Gruppe von Mädchen zu verführen. Ich sah sie an und überlegte, warum sie es sich so schwer taten. Vom bloßen Hingucken ist noch keine Romanze entstanden. Ich stand auf ging zu den Mädchen und schloss mit ihnen eine Wette. Wenn auch nur eine dabei sei, die mehr trank als unser Kroate, bezahlen wir die Drinks. Fehler. Eine kleine Prinzessin unter ihnen nahm mein Angebot an und ging mit mir und den anderen Mädels zu Richard. Sie setzte sich neben ihm und ich wiederholte vor den Jungs die Wette. Richard grinste. Er sah wohl schon die Gratisdrinks und ihre Liebe vor seinem geistigen Auge. Ich bestellte die erste Runde und erwartete, dass es bei maximal drei Runden bliebe. Sieben Runden später, blickte ich auf eine abschreckende Rechnung und einem kotzenden Richard. Die Prinzessin, Melanie hieß sie, saß glücklich auf dem Stuhl und zwinkerte mir zu. Zwei hundert Euro wurde ich los. Ich verdammter Idiot. Ich hatte eigentlich nicht annährend, dass Geld für so etwas. Nun waren alle außer mir gut drauf. Ich sah zum Himmel und verfluchte mich selbst. Henrique und Kris gaben mir aus Mitleid zwei aus. Das reichte auch aus.

Nach drei Maß können sie Farben hören und Gedanken riechen. Wir liefen als große Gruppe durch das Fest und lernten alle möglichen Leute kennen. Inder, Chinesen, Marokkaner, Afrikaner, Franzosen, Engländer, Deutsche und Spaniern. Den Spaniern kaute ich auf Spanisch, dass Ohr ab. Hier verstand jeder, jeden blind. Richard erfüllte derweil seine Pflicht und nahm seinen Platz auf der Wiese wahr. Aber nicht allein. Ein Mädchen aus Melanie's Gruppe erging es ähnlich. Sie lag nur einige Meter von ihm entfernt. Kris blieb mit einem weiteren Mädchen der Gruppe bei ihnen. Wir taten beiden einen Gefallen damit. Das Wiesn war ein buntes Tobabo. Ich verlor die Gruppe irgendwann aus den Augen und lernte eine Gruppe von Serben kennen. Etwa mein Alter. Lustige Gesellen. Ich war ihnen gleich sympathisch und so gaben sie mir ein Bändchen und nahmen mich mit in eines der Zelte. Ein Traum wurde war. Ich war in einem Zelt und es gab kostenlos Bier. Ah und nette Gesellschaft.

Ich unterhielt mich lange mit einem Arwin. Ich erzählte ihn von meinem Vorhaben die Welt zu sehen. Arwin gefiel diese Idee so gut, dass er mir anbot mit ihm nach Kroatien zu fahren. Es sei ein traumhafter schöner Ort, denn man gesehen haben muss. Er würde mit Jovan, einem der Gruppe, gleich morgen früh los fahren. Der Alkohol hatte aus mir gesprochen und das Angebot angenommen. So tranken wir fröhlich und feierten danach im P1 – einem Münchner Edelclub – weiter. Wir machten die Nacht durch. Jovan selbst hatte kaum was getrunken, so traute ich ihm die Fahrt zu. Er war generell ein sehr schweigsamer Geselle. Allein das hätte mich stutzig machen sollen. Aber wie gesagt, der Alkohol regierte mich und im Alkoholland gab es keine Zweifel, sondern nur Abenteuer. Wir bestiegen zu Dritt in einen schwarzen Van und fuhren los. Die Jungs hatte ich leider nicht mehr gesehen, aber ich wünschte ihnen nur das Beste. Ich würde unsere Abenteuer nie vergessen. Wir schreiben uns gelegentlich noch E-Mails oder Sms und ja, sie sind noch immer Chaotisch, aber in einem überaus aushaltbaren Maß. Zurück zur Geschichte. Jovan saß vorne und steuerte ruhig das Auto über die Autobahn in Richtung Österreich und ich tauschte hinten mit Arwin allerlei Geschichten aus. Arwin war ein genialer Mann. Politisch sehr belesen und sozial sehr engagiert. Er hatte eine Frau und zwei kleine Mädchen. Er hörte sich meine Dilemma an und gestand, dass es ihm in seiner letzten Ehe genau so erging und das ihn die Arbeit in der Politik rettete. Es war seine persönliche Bestimmung. Sein Schicksal.

Arwin bekam in Slowenien einen Anruf. Sein kleiner Bruder, hatte in Deutschland einen Unfall gehabt. Nichts dramatisches, aber er hielt es für eine weise Entscheidung umzukehren und nach dem Rechten zu schauen. Ich sah, dass genau so. Er sprach mit Jovan und erzählte mir, dass ich mit Jovan weiterfahren würde. Er selbst würde hier erst zu einem Freund gehen, der ihm ein Auto leihen könne. Mir wurde mulmig bei dem Gedanke. Arwin versicherte mir, dass bestimmt alles gut gehe. Was er nur nebenläufig erwähnte, war, dass er die Jungs, am gleichen Abend kennengelernt hatte wie ich. Ein Teil von mir wollte sofort aussteigen, aber Arwins zuversichtliches Gesicht und Jovans ruhige Art, ließen Ruhe in mir einkehren und ich blieb ihm Wagen. Fehler. Gemeinsam fuhren Jovan und ich durch die Grenze und wir landeten in Kroatien.

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