Horror

 
 FADE AWAY
Vergiss nicht was ist dein
 
 
Zusammenfassung:
 
Der Horror-Thriller Fade Away beschreibt die Geschichte eines jungen Paares, das alles verloren hat und nun notgedrungen in ein unbekanntes Städtchen ziehen muss. Dort finden sie Obdach bei einem älteren Pärchen, die Crows. Eine Familie so seltsam und mysteriös, das schon der erste Schritt über die Schwelle sich wie ein Todesurteil anfühlt. So ergeht es zu mindestens Nancy Nolan, die ihren Ehemann bittet zu gehen. Eine Bitte, die Sam ignoriert und damit zur schlimmsten Zeit seines Lebens führt.
 
 

1

„Was du nicht hast, dem jagst du ewig nach, vergessend, was du hast.“ 

- William Shakespeare

 

Das Wasser fiel kräftig und schwer vom Himmel, als ein roter Toyota Prius, durch die Straßen nach Bedford Lane fuhr. Die Schreibwischer pendelten rasant von einer zur anderen Seite, als könnten sie sich nicht entscheiden, und unter den Reifen, spritze das Wasser laut auf. An den Seiten ragten hohe Bäume und formten dichte Mauern aus braun- und grünem Geäst.  Der Himmel war verdunkelt und niemand sonst war auf der Straße zu sehen. Es war nur schwer vorstellbar, dass irgendwo sonst, noch leben existierte.

Im Wagen inneren saßen ein Mann und eine Frau. Ein junges Paar. Kaum älter als dreißig. Er in einem grauen Pullover und einem konzentrierten Blick, der ihm Falten auf die Stirn trieb. Sie in einem ähnlichen grünen Pullover mit einem liebevollen Blick und braunen Haaren, die spielerisch ihr Gesicht umgaben, wie die Bäume die Straße oder die Wolken die Sonne, die trübe hindurch schien. Eine jede Strähne hatte ihren Platz. So war man es von Nancy gewöhnt. Schon seit ihrer Schulzeit hatte sie einen enormen Wahn für Ordnung. Sie war es auch, die Sam in der Universität zusammengepfiffen hat, seine Bücher, überall verstreut in der Bibliothek liegen zu lassen. Sie waren nun schon lange zusammen und so war es nur eine Frage der Zeit und absolut verständlich, dass beide geheiratet haben und Nancy im neunten Monat war. Vorsichtig und liebevoll streichelte sie ihren gewölbten Bauch, als könne sie das Baby leibhaftig berühren. Sam sah ihr dabei glücklich zu. Er hätte sich niemals zu vorstellen gewagt mit einer so schönen Frau, wie sie es war, zusammen zukommen und noch weniger, sie seine nennen zu dürfen. Sam war eine Waise, seit je her. Die Familien, in denen er sich wiederfand, waren schlecht zu ihm und so hegte er tief in sich drinnen, die Angst, selbst zu versagen und dem Kind ein schlechter Vater zu sein. Doch zugleich wusste er, dass Nancy ihn nicht in stich lassen würde. Sie hatte immer auf alles eine Lösung. So war sie diejenige, die ihn beruhigte und aufmunterte, als man sie aus ihrem zu Hause rausschmiss. Die Miete war seit etlichen Monaten fällig und Sams Restaurant lief schlecht. Es brachte kein Geld, so sehr er sich auch bemüht hatte. Es war zum Scheitern verurteilt. Beide wussten, dass sie schnell ein neues Zuhause benötigten. Ein Zuhause, dass einem Kind, die Kindheit schenkte, an die man sich noch Jahre später mit einem Lächeln zurückerinnern würde. Ein Zuhause, in dem man sie nicht mitten in der Nacht auf die Straße zwang. Nancy sah diesen Tag schon lange kommen und trotzdem, erzürnte es sie zu tiefst, dass man dies einer wachsenden Familie antat. Mit einer beklemmenden Miene auf dem Gesicht starrte sie Sam an, als ob sie versuchte seine Gedanken, mit nur einem einzigen Blick, zu entwenden. Wie auf Kommando blickte Sam sie an und spürte, dass sie etwas auf dem Herzen hatte.

”Was stimmt jetzt wieder nicht?“, fragte Sam und wusste die Antwort bereits.

”Wir hätten ihn vor Gericht zwingen müssen.“

„Wir haben ihn bereits vor Gericht gezogen, schon vergessen?“

„Dann hätten wir ihn eben länger vor Gericht ziehen müssen.“

„Mit welchem Zweck? Das Einzige, was dabei rausgekommen ist, sind die Rechnungen für die Gerichtskosten und dem Anwalt.“

„Kosten, die wir zurückerstattet bekommen hätten, wenn wir gewonnen hätten?“

„Wenn wir hätten.“

„Soll das etwa heißen, dass du nicht an uns glaubst?“

„Nein, Liebling, Was für eine dumme Frage. Natürlich glaube ich an uns. Wir sind ein starkes Team und können gemeinsam alles schaffen. Wir werden, dass hier überstehen und eine Lösung finden. So wie wir es immer tun“, kam es aus Sam mit aufrichtiger Hingabe und Liebe.

Nancy blickte ihn beleidigt an, als hätte er ihr die Ehe gekündigt oder sie für unzureichend für das Mutterdasein erklärt.

”Was?“

”Hast du mich eben wirklich „Dumm“ genannt?“

„Dein ernst jetzt? Von meinem „Morgan Freeman“-würdigen, epischen Monolog, ist nur das bei dir angekommen?“

Sie verzog leicht den Mund, wie sie es immer tat, bevor sie kichern musste. So kam es auch jetzt, dass sie herzhaft loskicherte. Ein Kichern, wie man es von Kindern gewöhnt war, die ein Geheimnis einander zu flüsterten im Wissen, das die Erwachsenen im Raum, es nie rausbekämen würden.

Sam liebte dieses Kichern. Es war eines von tausend Einzelheiten, die Nancy für ihn einzigartig machten.

Doch diesmal beklemmte ihn ein dumpfes Gefühl und sein Herz fühlte sich an, als ob eine eiskalte Hand es ergriffen hielt und quetschte. Er hatte versagt. All die Ersparnisse von beiden waren ins Restaurant geflossen. In dem Restaurant, dass knapp ein Jahr später und neun Monate vor dieser Fahrt, Bankrott machte. Er fühlte sich schuldig. Sie trug sein Kind und hatte dafür ihre Arbeit als Klavierlehrerin aufgegeben. Ein Beruf, den sie geliebt hatte und beherrschte, wie nichts anderes auf der Welt. Doch bevor Sam sich weiter seiner Depression widmen konnte, ließ der Regen nach und die Wolken verschwanden, wie Wasser, dass in der Hitze verdunstete. Ehe beide sich versahen, waren sie den tiefen des Waldes Entkommen und fanden das kleine Städtchen, Bedford Lane, vor sich. Ein Städtchen, wie man es sich vorstellt. Klein und beschaulich. Nicht mehr als eintausend Seelen, die in diesem Örtchen lebten. Es war eines dieser Orte, in der ein jeder, einander kannte.

Sam kannte, diesen Ort aus einer Erzählung eines Freundes. Es sei für seine Harmonie und seine Ruhe bekannt. Genau die Dinge, die Sam seinem Kind und seiner Familie wünschte. Er hatte genug von Orten, in denen man sein Talent nicht anerkannte, Familien auf die Straße schickte und das Gericht, ihnen die Hilfe verweigerte. Nancy sah die Sache anders. Sie liebte es in einer Großstadt zu leben. Sie kannte und mochte, die Straßen, in denen sie aufgewachsen ist und Sams Antrag erhielt. Wie konnte sie woanders leben, als an dem Ort an dem sie geheiratet hatte und ihr Kind gezeugt wurde. Es war ihre Heimat und das schon immer.

All diese Dinge und noch viele Andere ließen sie, Sam einen gereizten Blick zuwerfen.

„Ich höre?“

”Warum muss es ein Kaff sein?“

„Was? Bedford Lane ist kein Kaff.“

„Nein?“, fragte sie mit gespielter Verwunderung und betrachtete die einfachen Mehrfamilienhäuser, die nun an den Seiten, vereinzelt, auftraten.

”Nein. Bedford Lane ist ein hypermodernes Zentrum, für engagierte und höchst futuristisch denkende Menschen.“

Während Sam diesen Satz beendete, hielt er an, um einen alten Holzkarren vorbei zu lassen. Der Fahrer blickte beide höflich an, zog am Wipfel seines Cowboyhuts und dann an den Leinen, die das Pferd wieder in Bewegung setzten.

”Ja, hoch modern“, spottete Nancy und beobachte den Karren beim Verschwinden in die Nebenstraße.

„Wenn wir glück haben, sind sie bereits auf die Entdeckung von WLAN Netzen und warmen Wasser gestoßen.“

”Jetzt ist aber genug, Nancy. Der Ort wird dir gefallen. Gib ihm etwas Zeit und du wirst ihn und seine Bewohner in dein Herz schließen.“

„Sicher“, entgegnete sie im leisen Ton, während sie einen alten Mann beim spucken auf dem Boden beobachtete.

”Mir gefällt der Gedanke nicht, bei irgendwelchen Fremden zu wohnen.“

„Es ist ein freundliches, altes Pärchen und es ist nur für zwei Tage. Bis dahin, habe ich mit dem Makler, alles geklärt und wir sind in unserem Traum vom Glück.“

„Woher kennst du diese Leute noch mal?“

„Ich habe sie auf irgendeiner Internetplattform gefunden.“

„Wow?“

„Ja, ich habe mir das auch nicht zugetraut.“

„Nicht du. Faszinierend, dass die in der Lage sind, einen Computer zu bedienen.“

Sam wusste, dass jeder weitere Satz an dieser Stelle verschwendet war und so wandte er, an einer roten Ampel, seinen Blick zur Seite. Ein kleines Mädchen, nicht älter als neun, stand in triefenden Klamotten vor einem Geschäft. Ihre Haut war bleich wie Papier und ihr langen schwarzen Haare, hingen ihr feucht im Gesicht, als ob sie angeklebt wären. Sam beobachtete sie konzentriert und spürte, wie seine Kehle trockener wurde und ihm die Luft langsam ausblieb. Das Mädchen starrte ihn mit großen Augen an, als ob man sie mitten aus dem Schlaf geholt hatte. Ihr Mund verzog dabei keine Miene. Sam beugte sich näher ans Fenster, um genauer hinsehen zu können. Plötzlich hob das Mädchen ihren rechten Arm und begann ihren Bauch zu streicheln. Dabei war ihr Griff so fest, dass sich Teile ihres weißes Kleides im Kreis mit bewegten.

Sam flüsterte mit seinen Lippen unhörbare Worte, als ob das Mädchen an seinen Lippen, seine Frage ablesen sollte. Ein lautes Hupen ertönte und Sam entsann sich, dass er nun an einer grünen Ampel stand.

”Schatz, nichts gegen die Schönheit einer Ampel, aber ich würde gern weiterfahren“, bemerkte Nancy mit verborgener Sorge.

Stumm legte Sam den Gang ein und setzte das Fahrzeug in Bewegung, dabei ließ er nochmals einen Blick zur Seite fallen, doch sie war weg. Als hätte es sich nie gegeben. Nervös griff er zum Handschuhfach und öffnete es.

”Was soll das, Sam?“, fragte Nancy mit einem leicht panischen Ton und einer beunruhigten Miene.

Er ignorierte die Frage und nahm eine kleine Plastikdose mit einem orangefarbenen Deckel heraus. Aus dieser entnahm er drei gelbe Pillen, die er mit einem Schluck Wasser, aus einer Flasche im Kasten der Fahrertür, einnahm.

”Was soll das? Der Arzt hat dir gesagt, dass du aufhören sollst, dieses Zeug zu schlucken! Du weißt, dass diese Dinger deinen Verstand benebeln.“

Nancy hatte recht und das wusste Sam auch, doch gaben diese Dinger ihm auch Ruhe. Denn hin und wieder wurde Sam von Panikattacken heimgesucht. Einige seine Pflegeeltern schlugen und missbrauchten ihn. Erlebnisse, die Sam nicht unberührt ließen und ihn des Öfteren in der Nacht schweißgebadet aufwachen ließen, wie man es von einem Albtraum kennt, der einen das Blut in den Adern gefrieren lässt und zu hoffen gibt, dass das Grauen ein schnelles Ende habe. Seit Sam sich zurückerinnern kann, schluckte er Medikamente. Er hatte dabei, schon aufgehört mitzuzählen, wie viele es waren oder gar, wie sie hießen. Sie sollten einfach nur, die Albträume verschwinden lassen. Denn es wurde schlimmer mit der Zeit. Früher träumte er nur nachts davon. Jetzt aber, sah er sie auch manchmal tagsüber. Die Gesichter seiner bösartigen Pflegefamilien. Nancy blickte ihn besorgt an und sah kurz zu ihrem Bauch. Ihr missfiel die Idee, dass Sam eines Tages so benebelt sei, dass er ihr eigenes Kind nicht wiedererkannte. Sie schloss die Augen und sprach ein stilles Gebet, wovon Sam nichts mitbekam, denn er fuhr nun von der Straße ab auf einen kleinen Landweg. Die Straße war holprig und schüttelte das Auto und seine Insassen durch.

Vor einem kleinen, zweistöckigem Familienhaus machten beide Halt. Nancy blickte zunächst auf das Reetdach und dann auf die verlassene Veranda, die von einem eleganten Holzgelände umzäunt war und an bestimmten Stellen Holzbalken zum Vordach, hinauf fahren ließ.

„Das ist es?“

„Ja, so steht es jedenfalls in den Papieren“, sagte Sam mit Blick in seinen Dokumenten, die sorgsam auf seinem Schoss ruhten.

Nancy ließ den Blick durch die Umgebung fahren. Man konnte erkennen, dass einige Meilen im Norden ein Wald war und das im Süden, das Zentrum von Bedford Lane lag. Im Westen befanden sich ein Paar Felder und im Osten ein Nachbarshaus mit einer Scheune.

”Sam, mir gefällt es hier nicht. Bitte lass uns woanders übernachten. Irgendwas ist komisch an diesem Ort.“

„Wie oft müssen wir dieses  Thema noch durchkauen? Was anderes können wir uns nun mal nicht leisten“, erwiderte Sam und spürte die Schuld in ihm aufbrodeln. Sie war eine wundervolle Frau und hatte Besseres verdient, und so zerriss es ihm das Herz, ihren skeptischen Blick aufs Haus, zu sehen.

„Es ist nur für ...“

„... Ein paar Tage. Ich weiß Liebling“, führte sie seinen Gedanken fort und gab ihm einen zärtlichen Kuss.

Gemeinsam stiegen beide aus dem Wagen und betraten die feuchte Erde des Hofes zum Haus. Ihr Blick haftete an dem weißen hölzernen Gebäude, der Ort, der ihr letzter gemeinsamer Aufenthalt werden sollte. Zärtlich umgriff er ihre Hand und lächelte ihr aufmunternd zu. Es war eines von diesen Lächeln, die ein Vater seinem Kind zu warf, wenn es ein wichtiges Spiel verloren hatte. Ein Blick, der voller Güte und Liebe sagt, “Alles wird gut.“

Nancy sah auf ihren voluminösen Bauch, legte ihre linke Hand darauf und blickte Sam liebevoll zurück.

Und wie auf Kommando, öffnete sich die wuchtige und doch einladende, braune Tür, des Hauses und Molly Crow, betrat die Veranda. Sie war trotz ihres Alters, eine schöne Frau, die hier und da vielleicht, etwas zu viel auf den Hüften hatte. Eine Eigenschaft, die ihren Mann, Earl, in keiner Weise missfiel. Nicht ohne Grund stellte er ihr vor fünfunddreißig Jahren, den Antrag. Es war ein an einem wechselhaften Tag, wie dieser.

Molly grinste beide glücklich an, als wären sie der Grund für den nun durchschimmernden Sonnenschein. Nancy gefiel der Anblick, einer älteren Dame, in ihrer weißen Strickjacke und dem rot-grünen karierten Rock. Nicht zu vergessen, die weißen langen Socken, die in pinken Ballerina verschwanden. Sam fiel gleich auf, dass Molly viel zu viel Make-up auftrug und das aus einer Entfernung von zwanzig Fuß.

Molly ging in purer Euphorie auf, bei dem Anblick von Nancys Bauch.

„Oh mein Gott. Que ces’t beau. Non, Non, Non. Wann ist es soweit?“

„Anfang kommenden Monats“, kam es aus Nancy.

„Une fille ou un gar ç on?“

„Ehm, Entschuldigung, wie war das?“

„Ein Junge oder ein Mädchen?“

„Oh. Oh, okay. Es wird ein Mädchen. Lisa.“

„Ah, que joli, Lisa. Ein guter Name. Ein sehr guter Name.“

Nancy lächelte glücklich auf und strahle Sam heiter an. Sam konnte sein Glück nicht fassen. Es fühlte sich für ihn an, als wäre es noch gestern, dass er in seinem Zimmer saß und Gott, um einen schnellen Tod bat. Alles, nur keine weitere Nacht mit dem Pflegevater, der gleich zur gewohnten Zeit das Zimmer betreten würde und sich mit seinem nach Alkohol riechenden Atem, zu ihm aufs Bett setzten würde. Einer der Abende, die einem sechsjährigen, jede Unschuld und jeden Glauben an Menschlichkeit nahmen.

„Earl ist noch in der Stadt, aber bitte, kommt rein in unsere maison und seid unsere Gäste.“

Nancy blickte Sam kurz fragend an, als ob sie seine Zustimmung einholen wollte. Sam jedoch starrte unentwegt einen Schaukelstuhl auf der Veranda an, der sich langsam im Wind hin und her bewegte, als ob er von einer unsichtbaren Hand geführt sei.

„Sam? Liebling?“

Ihre Worte holten Sam aus seinen dunklen Erinnerungen, wieder in die Gegenwart, und so schüttelte er geistig, den Schmerz von sich herab und nickte Nancy zustimmend zu. Nancy war keine dumme Frau. Sie wusste genau, woran Sam gedacht hatte und das machte ihr Angst. Sein enormer Pillenkonsum, beunruhigte sie sehr und die Angst, dass es schlimmer werden könnte, war allgegenwärtig.   Sam nahm die Koffer aus dem Fahrzeug und betrat mit Molly das Haus. Nancy blieb noch eine Weile vor dem Haus stehen und starrte zum Schaukelstuhl. Dessen bloßer Anblick, schnürte ihr schon den Hals zu und ließ jeden Herzschlag, wie eine Last wirken.

„Schätzen, kommst du?“, rief ihr Molly glücklich zu, und obwohl, Nancy es nicht wusste, spürte sie, dass es ein Fehler war, das Haus zu betreten. Dennoch tat sie es und besiedelte, damit ihr grauenhaftes Schicksal.

Es war ein altes Haus und so war es keine große Verwunderung, dass die Einrichtung traditionell war und viele alte Möbel hegte. So sah Sam gleich das alte rote Chesterfield Sofa in der rechten Raumhälfte, des Ortes, der das Wohnzimmer darstellen sollte oder wie Earl es nannte, „sein Reich“. An den Wänden hingen unzählige Familienbilder und einige Porträts von französischen Straßen. Mollys Faible für die französische Kultur reichte so weit, dass sie ein Regal voller kleiner Eiffeltürme besaß. Gleich über eine beige Kommode in der linken Raumhälfte. Gefühlte hundert kleine Eiffeltürme fanden dort ihren Platz und alle in unterschiedlichen Größen und Farben. Nancy interessierte sich nicht für die obskure Sammlung. Ihre Aufmerksamkeit galt einer alten, hölzernen Kuckucksuhr, gleich rechts von der Treppe, die ins zweite Geschoss führte. Dem Ort in dem Sam und Nancys Zimmer lagen und zu gleich, der Schauplatz einer grausamen Tat werden sollte. Nancy trat näher an die Uhr, die feine Verzierungen aufzeigte und deren Uhrenblatt, römische Ziffern aufwies, so wie man es von den etwas eleganteren Uhren kannte. Molly bemerkte Nancys Bewunderung und trat an ihre Seite heran.

„Unglaublich nicht wahr?“

Nancy nickte nur stumm.

„Mon cher, Père, hat es damals in Deutschland erworben. Er fand es in einem KZ nahe Zwickau. Es stand ursprünglich im Quartier eines deutschen Oberbefehlshabers. Leider funktioniert sie schon seit Jahren nicht mehr.“

„Die Uhr gehörte einem Nazi?“, fuhr Nancy wild auf.

Zu Recht, wer wollte so etwas in seinem Haus haben?

„Qui. Nur solltest du dieses Wort nicht benutzen, wenn Earl da ist, sonst passiert es wieder?“, erklärte Molly mit flüsternde Stimme.

„Warum nicht, was passiert?“

„Wie bitte mein Kind?“

„Was passiert, wenn ich dieses Wort sage?“

„Welches Wort, Engelchen?“

„Nazi.“

„Mon dieu. Non, Non. Du solltest nicht so ein schmutziges Wort in den Mund nehmen, vor allem nicht, wenn Earl da ist. Er kann darauf seltsam reagieren“, erklärte Molly und trat ab.

Sam trat an Nancys Seite und las in ihrem Blick, dass Nancy sich bereits jetzt wieder ins Auto wünschte.

„Es ist nur für ...“, fing Sam an und wurde, durch Nancys plötzlichem Abgang unterbrochen. Ihm gefiel der Gedanke nicht, dass Nancy sich stressen könnte, vor allem nicht, da sie nun für zwei Personen atmete. Still und enttäuscht ließ er seinen Blick zum kleinen Fenster in der Tür fahren. Er konnte erkennen und hören, dass das Wetter wieder um geschwungen ist. Der Regen trommelte gegen die Tür wie hunderte kleine Finger und der Wind zog kräftig und laut, als wolle er alles vom Boden fegen, dass nicht nagelfest war.

Nancy sah sich mit Molly, derweil, im Zimmer um. Es war ein kleines und doch, durch aus akzeptables Zimmer. An den Wänden hingen weitere Familienfotos und auf einer kleinen Kommode, zur linken Raumhälfte, stand ein kleiner Spiegel mit hölzernem Rahmen. Nancy sah sich neugierig ihm Raum um, während Molly nicht über die Türschwelle trat. Irgendwas trieb ihr die blanke Angst ins Gesicht und ließ ihre Kehle ganz trocken werden. Sie fing an, unhörbare Worte zu flüstern, als sei sie in einem Wahn verfallen. Nancy entging dies nicht. Jedoch wollte sie sich, die Sorge nicht anmerken lassen und entschied sich dafür stumm den Raum weiter zu erkundigen. Irgendwas stimmte mit dieser Frau nicht und dies ließ Nancy nicht ruhig werden. Sorgevoll streichelte sie über ihren Bauch. Manchmal, und nun auch häufiger, konnte sie schwören, den Herzschlag von Lisa zu spüren. Sie stellte sich vor, dass Lisa verstand, wie es ihrer Mutter ginge und die Sorgen und Gefühle mit ihr teilte. Niemals würde sie zu lassen, dass etwas ihrer kleinen Tochter passieren würde.

„Bald ist es vorbei“, kam es von Molly mit einer tiefen Stimme. So tief und düster, dass einem das Blut in den Adern gefror.

Nancy drehte sich hektisch zu ihr um, und blickte eine grinsende Molly Crow an.

„Das Unwetter. Bald ist es vorbei.“

Nancy drehte sich zum Fenster um, dass ihr gegenüber war. Es befand sich über dem Bett, das links vom hölzernen Schrank stand.

„Ich hoffe nur, Earl ist bald zu Hause.“

„Sie lieben ihn sehr.“

„Wie kann man, auch anders nach fünfunddreißig Jahren Ehe.“

„Wow, das ist unglaublich. Sam und ich, schaffen das hoffentlich auch.“

„Oh, keine Sorge, mon petit. Ich sehe nichts, was dagegen sprechen sollte.“

Nancy grinste ermutigt zurück und drehte sich zum Fenster um. Die Worte der Fremden taten gut. Besonders nun, wo ein Kind auf sie zu kam und ihnen ein Dach über den Kopf, als auch eine geregelte Einkommensquelle fehlte. „Bald ist es vorbei.“

„Wie bitte?“, fragte Nancy und wandte sich abrupt um.

„Wie, mein Kind? Ich habe nichts gesagt.“

Nancys Euphorie verschwand, während sich ein unlesbares Grinsen auf Mollys Gesicht breitmachte.

Wo war Sam? Die alte Frau, machte ihr Angst, doch sollte sie es Sam sagen? Er hatte schon so viele Sachen, um die er sich sorgte. Sie wollte ihm nicht noch eine weitere Last aufbürden. Nicht jetzt, nicht hier. Es seien ja nur zwei Tage und sie mussten an das Baby denken. Draußen im Regen, wäre es einer Erkältung oder schlimmeren ausgeliefert. Wie aufs Stichwort, betrat Sam das Zimmer und erklärte, dass er das Auto umgeparkt hatte.

Eine Geschichte, deren Wahrheit, man an seinen nassen Klamotten ablesen konnte. Innerlich kämpfte Nancy mit sich. Sollte sie es ihm doch verraten und darum beten, dass Haus zu verlassen? Beim Anblick von Sam, der glücklich mit Molly sprach, befreite sich Nancy von ihrer Sorge und ließ ein unsicheres Lächeln, ihre tiefe Verunsicherung, verbergen. Sie verzichtete auf die letzte Chance zur Flucht und ließ, damit den Dingen ihren freien Lauf.

Die drei nahmen in der Küche bei einem Kaffee platz am Tisch. Ein Hauch von Anspannung lag in der Luft, und so ließen die Drei schweigsam ihren Blick durch die Küche wandern. Molly blickte begeistert auf.

„Ich glaub, wir müssen noch etwas Torte von gestern übrig haben.“

„Bitte machen Sie sich nicht die Mühe“, wandte Sam ein und verzog seine Mundwinkel zu einem leichten Grinsen.

„Non, Non“, konterte Molly, sprang auf und bewegte sich über den PVC Boden, der sich in einem schwarz-weißen schachbrettförmigen Muster unter ihnen erstreckte. „Kaffee ohne Kuchen ist wie Ebbe ohne Flut.“

Sam ließ diesen Satz unkommentiert. Ihm gefiel der Vergleich nicht. Lag es an dem Regen, der nicht aufhören wollte? Oder war es, doch fiel mehr die Vorstellung, dass sie ihn an eine seiner Pflegemütter erinnerte. Eine seltsame, und letztendlich , grausame Frau, die auf den Namen Magaret Colb hörte. Sie hatte eine Leidenschaft für Erziehungsmethoden, die Reißnägel und Feuerzeuge, enthielten. Tagsüber, die liebevolle Mutter, die einem Milch und Kekse servierte und nachts, nach dem Alkohol, eine rachsüchtige Frau, die ihre Frustration an ihre sieben Pflegekinder ausließ. Am liebsten an dem zehnjährigen Sam Jackson Nolan.

Sam versuchte, diesen Gedanken aus seinen Kopf zu schüttelten und suchte verzweifelt ihm Raum nach etwas Ablenkung. Sein Blick verharrte letztendlich bei einem kleinen Sitzkissen, in der rechten Ecke des Raumes, neben dem Herd. Es war ein kreisförmiges, großes Sitzkissen, wie man ihn Hunden vorlegt. Wenn man lang genug hinsah, konnte man noch den Abdruck, des Vierbeiners darin erkennen.

„Sie haben einen Hund?“, fragte Sam mit Blick zum Kissen.

„Qu’est-ce que? Pardon, mein lieber, aber nein haben wir nicht. Earl hasst Hunde. Eigentlich jede Art von Haustier. Machen ihm zu viel Arbeit. Leider. Ich hätte gerne einen gehabt. So einen kleinen Putzigen. Sie wissen, was ich meine.“

Molly kicherte vergnügt los, während Nancy sie liebevoll ansah. Sam hingegen starrte das Sitzkissen an. Warum sollten sie so ein Kissen besitzen?

Molly kam zum Tisch und servierte Teller mit Stücken eines Apfelkuchens. Während sie Platz nahm, verschwand jegliche Freude aus ihrem Gesicht und sie faltete, ihre Hände zusammen, als ob sie zum Gebet stoßen möchte.

„Es gäbe, da noch eine wichtige Sache, die ich ihnen unbedingt, über diesen Ort erzählen muss.“

Doch im selben Moment sprang die Tür auf und ein rumfluchender Mann mit kurzem grauen Haar und einem Blick, der einen den Tod kurz aufspüren ließ, trat ins Haus.

„Ah, magnifique. Liebling, du kommst genau richtig, dass hier sind die Nolans“, jubelte Molly und deutete auf die Beiden.

Earl ging geradewegs zum Kühlschrank und nahm sich ein eiskaltes Bier, dabei ließ er sich viel Zeit. Nancy warf Sam heimlich einen verunsicherten Blick zu. Molly beobachtete Earl mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht, als betrachte sie einen himmlischen Sonnenaufgang. Earl nahm laute Schlucke aus der Flasche und wischte sich, nicht weniger laut, den Mund. Sam empfand, diese schlechte Manieren, als unangenehm gegenüber seiner Familie und räusperte sich laut, in der Hoffnung, Earl würde einlenken.

Doch alles was, er auslöste, war ein kalter Blick von Earl.

„Ist was, Junge?“, fragte Earl in einer Stimme, die so rau war, dass man einem das Fleisch von der Haut schleifen konnte und so emotionslos, als wäre kein Herzschlag dahinter.

„Ehm, ja“, sagte Sam und stand auf. Nancy betete innerlich, dass er sich wieder hinsetzten möge. Sam hingegen aber, bewegte sich weiter auf Earl zu und reichte ihm die Hand. „Sam Nolan. Vielen Dank, dass sie uns so reizend aufnehmen. Wurde schon richtig knapp langsam.“

Earl starrte die Hand an, zog das Kinn hoch und verzog den Mund mit einer angewiderten Miene. „Was machen die hier?“

„Das sind unsere Gäste aus dem Internet, Schatz.“

„Aus dem was? Das habe ich nie zugestimmt.“

„Mon amour, fang jetzt nicht so an. Wir hatten das bereits geklärt gehabt.“

„Hm. Hatten wir das?“, wiederholte Earl mit knirschenden Zähnen.

Sam starrte ihm stur in die Augen. Er hatte gelernt mit Kampfhunden umzugehen und doch spürte er, dass Earl anders war. Irgendwas an ihm schien, höchst fraglich, und es waren nicht seine fehlenden Manieren oder sein wüstes Auftreten. Etwas mit seinen Augen war komisch. Sam konnte schwören für einige Sekunden, keine Spiegelungen darin gesehen zu haben. Einfach nur pure, tiefe Düsternis.

Earl trank sein Bier leer, wischte sich erneut den Mund und trat ab, wobei er sein rechtes Bein unmerklich schleifen ließ. Sam beobachtete ihm beim Abtreten. Nancy sah verwundert zu Molly.

„Earl ist Vietnam Veteran. Er hat sich eine Schusswunde im Knie geholt gehabt und seit dem ist es nie richtig verheilt,“ erklärte Molly mit einer tiefen Trauer in der Stimme.

Bevor Nancy sie trösten konnte, sah Molly strahlend auf.

„Lass und in den Garten, Chérie. Es gibt da ein paar schöne Dinge, die ich dir zeigen möchte“, erklärte Molly in einem fast schon emotionslosen Ton, während sie beinah schon gezwungen und unnatürlich, lächelte. Nancy blickte fragend zu Sam, der ihr bewilligend zunickte.

Nancy stand vorsichtig auf, vorbei ihr Molly half. Beide verließen die Küche in Richtung Garten, der hinter dem Haus lag.

Sam lächelte ihr hinterher, doch verschwand kurzer Zeit später sein Lächeln und er wandte seinen Blick zum Hundesitzkissen. Er war weg und auf der Stelle befand sich nur ein schwarzer Fleck Dreck. Dieser Anblick versetzte ihn in Panik und Sam tat, so wie er es immer tat, wenn er Panik hatte. Er verschwand im nächstgelegenen Badezimmer und schluckte drei Tabletten. Ihm wurde warm und etwas schwindelig und Sam beschloss nach draußen zugehen.

Auf der Veranda angekommen, spreizte er seine Arme und nahm einen tiefen Luftzug. Der Regen hatte bereits aufgehört und so konnte er sich auf der Veranda etwas weiter vorwagen. Vor bis zum Geländer und den Treppenstufen. Den Stufen auf dem ein kleines Mädchen im weißen Kleid und schwarzen langen Haare saß. Sie war klatschnass und zitterte heftig. Sam konnte so etwas nicht mit ansehen. Er zog seinen Pulli aus und kam auf das Mädchen zu. Sie drehte sich vorsichtig zu ihm um und starrte Sam mit großen Augen an, während sie zitternd ihre Arme umklammernd hielt. Sam erschrak kurz, denn er kannte sie. Es war, das Mädchen, das er bei seiner Einfahrt in Bedford Lane gesehen hatte. Beide standen sich gegenüber und starrten sich stumm an. Solange bis Sam ihr vorsichtig, den Pullover reichte, den das Mädchen nur zögerlich und sehr misstrauisch annahm. Sie zog, denn Pullover an und Sam saß sich zu ihr, auf die oberste Treppenstufe. „Wie heißt du und was machst du hier ganz allein?“

Sie blickte stumm auf den Boden und ließ die Fragen unbeantwortet.

„Wissen deine Eltern, dass du hier bist?“

Sie wandte zögerlich ihren Blick zu ihm und ihr Gesicht fing an zu beben, während Tränen ihre Augen hinunter kugelten.

„Sie werden sie mitnehmen“, kam es aus ihr mit einer leisen und schwachen Stimme.

„Wer wird wen mitnehmen?“

„Sie werden sie mitnehmen. Beide. Und du kannst nichts dagegen tun.“

„Was? Von wem redest du? ... Nancy ... redest du von Nancy?“

Sie fing an zu weinen, während langsam blutige Wunden auf ihrem Körper auftraten. Sam wich erschrocken zurück.

„Oh mein Gott, was ist das?“

„Sie nehmen sie dir weg.“

„Wer?“, brachte Sam nervös hervor, während er spürte, wie ihm die Luft ausging.

Das Kind blieb stumm und sah erschrocken zur Tür. Sam folgte ihrem Blick und sah, wie die Tür sich öffnete und Earl nach draußen kam.

„Was machst du hier?“

„Wir brauchen einen Arzt!“

„Warum?“

„Für sie natürlich. Siehst du das nicht?“, erwiderte Sam und deutete auf die Stelle an dem das Mädchen, vor zwanzig Sekunden noch saß. Doch war der Platz nun verlassen und der Wind wehte ein einsames Blatt auf die leere Stelle. Ebenso bemerkte Sam, dass er seinen Pullover wieder anhatte. Er war trocken.

„Das kann doch nicht ...“

Earl grunzte verärgert und verschwand wieder im Haus.

Sam blickte verzweifelt umher, als sein Blick wieder an der Stelle landete und eine dünne, schwarze Strähne seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Vorsichtig nahm er sie in die Hand und blickte nervös umher, bevor er mit zitternden Knien, wieder das Haus betrat.

In seinem Zimmer angekommen, öffnete er eine weitere durchsichtige Dose mit gelben Pillen. Er überlegte, ob er welche nehmen sollte. Ganz ungefährlich war es nicht, und er spürte, wie sich das Pillenschlucken, langsam zur Sucht ausgebreitet hatte. Was wenn er bald nur noch mit ihnen leben konnte? Was aber, wenn dies bereits der Fall war? Dieser Gedanke, machte ihm so sehr Angst, dass er die Pillen wieder in seinen beigen Rucksack verschwinden ließ. Genau in diesem Moment betrat Nancy den Raum. Sie lächelte und wirkte absolut glücklich, als hätte es nie wirklich Probleme gegeben. Klug wie Nancy war, erkannte sie sofort, dass mit Sam etwas nicht stimmte.

„Schatz? Was ist passiert?“

„Nichts ... es ist alles bestens.“

„Sam Jackson Nolan“, sagte sie mit entzückender Stimme, während sie mit dem rechten Zeigefinger auf ihn deutete und langsam näher kam. „Ich kenne sie lang genug, Mister. Sie können mir nichts verheimlichen.“

„Stimmt. Das kann ich wirklich nicht“, bestätigte Sam und nahm sie in die Arme. Beide lächelten sich an und küssten sich innig, als Nancy zwischendurch stoppte und die Augen weit aufriss.

„Was? Was ist passiert?“, fuhr Sam panisch auf.

Nancy begann plötzlich zu kichern. „Sie hat mich wieder getreten.“

Sams Panik verwandelte sich in einen liebevollen Blick und einem stillen Lächeln. Er beobachtete Nancy, wie sie versuchte mit den Handflächen auf dem Bauch, weitere Bewegungen abzutasten. Angst überkam ihm. Sie, beide, waren das Beste, was ihm je widerfahren ist. Nie könnte er zulassen, dass ihnen was passiere. Er sah sie ernst an und spürte wie sein Herz, schwerer und schwerer wurde. Nancy blickte ihn lieblich an und packte etwas aus ihrer Tasche. Es war ein Blumenkranz aus lauten farbenfrohen Blüten, Gras und Gewächs. Es wirkte fast schon bizarr, den farbprächtigen Kranz im sonst  monotonen, weißen Raum zusehen.

„Meine Mutter hat für mich und Alice, damals immer Kränze gemacht. Sie hat es geliebt uns damit zusehen. Sie nannte uns ihre kleinen Prinzessinnen“, erklärte Nancy mit einem Hauch von Trauer in der Stimme. Eine Trauer, die auf den Tod ihrer Mutter, letzten Jahres zurückzuführen ist. Sam entging dies nicht. Er nahm ihr den Kranz ab und küsste sie.

Alles schien perfekt, als plötzlich ein lautes Schluchzen zu vernehmen war.

„Was ist das?“

„Egal was es ist, es geht uns nichts an.“

„Sam, sie haben uns hier aufgenommen. Wir sollten nachsehen.“

Sam seufzte, denn er wusste, dass sie Recht hatte. Doch schon auf dem Weg zur Tür spürte er, dass er besser im Zimmer geblieben wäre. Vorsichtig öffnete er die Tür und sah nach links zur Treppe. Molly saß mit dem Rücken zu ihm gewandt darauf. Sie schluchzte und zitterte am ganzen Leib. Das Licht war gedimmt und so übersäten Schatten ihren Körper und ließen eine silberne Silhouette aufleuchten. Nancy stimmte der Anblick ängstlich, und so verharrte sie am Türrahmen, während Sam vorsichtig auf Molly zuging, die plötzlich begann Worte in einer fremden Sprache zuflüstern. Es klang fast schon manisch, als rede sie mit sich selbst. Eine tiefe Strenge lang in ihrer Stimme, die nun auch höher würde und sonderbar kindlich klang. Sie erinnerte ihn, auf kuriose Art und Weise, an die Stimme des Mädchens, auf der Veranda. Molly bemerkte nicht mal, dass Sam sich langsam zu ihr runter gekniet hatte und sie nun, fast schon, eingeschüchtert ansah.

„Mrs. Crow?“, fragte Sam im zögerlichen Ton.

Molly hatte ihre Augen nach hinten gerollt gehabt, so dass nur eine weiße, mit nerven übersäte, Fläche erkennbar war. Beim Klang von Sams Stimme, rollte sie ihre Augen zurück und ihre Pupillen verkleinerten sich in Sekunden zu ihrer normalen Größe. Sam bemerkte davon nichts. Ihre Haare verdeckten ihr Profil, welches Sam von der Seite betrachtete. Molly sah ihn nun verwundert an, als hätte er ihr eine Aufgabe gestellt, deren Lösung unscheinbar schien, geradezu beleidigend.

„Ist   ... ist alles okay?“

„Non, Non, Non. Earl ist in die Stadt. Er darf so spät nicht mehr in die Stadt. Er findet im Dunklen nicht mehr Heim.“

„Oh Gott, warum ist er gegangen“, erkundigte sich Nancy, die nun da zugekommen war, aber entschied, lieber stehen zu bleiben.

„Wir hatten einen kleinen dispute und Earl kann mit Problemen nicht gut umgehen, er sucht immer die Flucht,“ erklärte Molly und begann zu weinen.

Sam und Nancy tauschten fragwürdige Blicke aus. Die Sorte von Blicken, die Menschen austauschten, bevor sie entscheiden, ihre Komfortzonen zu verlassen.

„Wo ist er denn hin?“, fragte Nancy mit einer Fürsorge, wie sie nur eine Mutter aufbringen konnte.

Molly wimmerte kurz, strich sich die Tränen aus dem Gesicht und sah zu Nancy. „Wahrscheinlich wieder zu dieser Bar, wo er immer hingeht?“

Sam und Nancy sahen einander ernst an. Er wollte nicht gehen. Er wollte sie nicht alleine lassen. Doch er wusste auch, dass nicht zu gehen, sich falsch anfühlen würde. Außerdem wäre dies nicht der Mann, in den sich Nancy verliebt hatte. Einen Mann, der sich um Andere kümmerte und da war, wenn man ihn brauchte.

Sam wandte seinen Blick entschlossen zu Molly. „Wo ist diese Bar?“

Nur kurze Zeit später befand sich Sam Nolan auf dem Weg zur 4th McCarver Ave in Old Town. Es regnete immer noch und der Wind blies sachte, aber kontinuierlich. Auf dem Weg fiel Sam eine unangenehme Sache sehr schnell auf. Die Nummer sechshundertsechsundsechzig tauchte verflucht häufig auf. Auf Straßenschilder, an LCD Schilder, auf Werbeplakate oder Kennzeichenplaketten. Trotzdem ließ Sam sich nicht ablenken.

Er machte neben einem alten Backsteingemäuer halt, das den Namen „Bloody Roger“ trug. Die Gegend drum herum, sah absolut verlassen und verdreckt aus. So ließen es jedenfalls, die Müllsäcke auf den Straßen und die vielen Ruinen in der Umgebung, annehmen.

Sam betrat, den Laden und bekam, gleich im ersten Moment, einen Schwall Rauch entgegen, der ihn auf husten ließ. Der Laden war voller skurriler Gestalten und melancholische Musik ertönte von einem Piano, irgendwo im Raum. An der Decke hingen Unmengen an Kennzeichenschilder aus diversen Ortschaften in den USA und an den Wänden hingen Fotos von Gästen und eines von NFL Allstar Tom Brady, mit Signierung.

Sam drückte sich durch die Menge vorbei an die Bar und wandte sich an den bärtigen, glatzköpfigen Barkeeper.

„Verzeihung, kennen Sie einen Earl Crow?“

„Wen?“

„Earl Crow.“

„Nie gesehn. Frag ma die Typen da hinten in der Ecke, die kennen hier jeden“, erklärte der Mann mit seinem linken Finger auf einen Tisch in der Ecke der linken Raumhälfte deutend.

Sam sah zum Tisch hinüber. Drei Männer saßen daran. Ein schwarzhaariger Kerl im schwarzen Mantel und vernarbten Gesicht, dessen lange schwarze gekräuselte Haare, verstreut vor seinem Gesicht hingen. Daneben in der Mitte ein Mann mit blonden Haaren und Drei-Tage-Bart, der ein rot-schwarz kariertes Hemd trug. Und ganz rechts, ein rothaariger Mann, in etwa Sams Alter. Sie sprachen kein Wort miteinander, sondern saßen nur stumm da und beobachten die Umgebung.

Sam schluckte kurz auf. Er wollte nicht ohne Earl zurückkommen, also setzte er sich in Bewegung. Auf dem Weg zum Tisch verspürte er eine seltsame Kälte von der linken Seite ausgehend. Vorsichtig wandte er seinen Blick zur Seite und erblickte das Mädchen im weißen Kleid erneut. Sie war von oben bis unten gehüllt in Blut und Innereien. Auf ihre Stirn, war die Zahl 666 in Blut geschmiert wurden und in ihrer Hand hielt sie einen Blumenkranz, ähnlich dem von Sam. Sie starrte ihn stumm an. Sams Körper bewegte sich automatisch, während er sie verstört anstarrte. Der Zusammenprall mit einer Kellnerin, die ein Tablett mit Gläsern fallen ließ, holte ihn zurück in die Gegenwart. Hektisch entschuldigte sich Sam bei ihr und versuchte zu helfen die Scherben aufzuheben, was sie ihm verbat. Die Leute um Sam herum tauschten argwöhnische Blicke aus und stöhnten. Wieder ein Tourist, der eine gute Bar stören wollte. Sam kümmerte dies nicht, sein Herz stockte für einige Sekunden. Er spürte wieder alle seine körperlichen Systeme arbeiten und wandte zögerlich seinen Blick zum Fleck, wo das Mädchen stand. Alles was er nur noch vor fand, waren zwei Männer an ihrem Tisch, die ihn gereizt anblickten. Sam packte eine Plastikdose aus seiner Jackentasche und schluckte zwei kleine Tabletten.

„Alles in Ordnung?“, fragte eine Stimme neben ihm. Sam wandte sich zur Quelle der Stimme und erkannte den rothaarigen Mann vor sich.

„Dave Brown“, erklärte der Mann und reichte Sam die rechte Hand zum auf stehen. Sam musterte ihn fragwürdig, doch nahm er das Angebot an und ließ sich hochzuziehen.

„Es war für einen Moment, als hätten sie ein Gespenst gesehen oder so was.“

„Ja ... ein ... wer sagtest du, noch mal bist du?“

„Dave Brown, Sir. Ich bin der Pastor hier in Old Town.“

„Der Pastor?“

„Ja, Sir. Sie wirken leicht verwirrt. Kann ich ihnen helfen?“

„Ich ... ich such einen Earl Crow. Alter Mann, feindseliger Blick.“

„Oh, von dieser Sorte haben wir viele hier, aber ich kenne keinen Earl Crow ... Kommen Sie zu uns an den Tisch. Vielleicht kennen ihn die anderen.“

Sam sah noch einmal zum Tisch. Die beiden Männer sahen ihn misstrauisch an.

„Ich geh besser nach ihm suchen.“

„Bitte, ich bestehe darauf.“

Dave packte Sam an die Schulter und führte ihn zum Tisch. Gemeinsam nahmen sie Platz und Dave gab ihm ein Bier.

„Sam Nolan“, erklärte Sam Dave und den anderen mit einem Nicken.

„Corby Thomas und das hier ist Phil Hall“, stellte sich der Mann ihm karierten Shirt vor.

Phil behielt es sich vor, Sam nicht die Hand zu schütteln, und trank kühl sein Bier.

„Sam hier sucht einen Earl Crow, kennt ihr ihn?“, fragte Dave neugierig in die Runde.

„Earl Crow? Nie gehört, wo wohnt er denn?“, fragte Corby, während er einen Schluck nahm.

„Das war die ... die 14th   Street“, erinnerte sich Sam laut.

Phil hielt beim Trinken inne, sein Gesicht gefror kurz, bevor er sein Glas zum Weitertrinken ansetzte.

„Entschuldigung, wie war das?“, fragte Corby unglaubwürdig mit einem stummen Lächeln.

„14th Street“, wiederholte Sam skeptisch.

„Da wohnt niemand“, wiederholte Phil in einer tiefen Stimme mit spanischem Akzent.

Erst jetzt fiel Sam die gebräunte Haut und die hellen Augen von Phil auf. So hell wie Eis. Diese Farbe hatte ihren Grund, Phil war blind. Seit seiner Kindheit. Ein Handicap, mit dem er umzugehen gelernt hatte.

„Doch ... wir wohnen da bei den Crows?“, erklärte Sam wütend.

„Was redest du denn da?“, kam es von Corby.

„Wir haben dieses ältere Pärchen kennengelernt.“

„Welches älteres Pärchen? In der 14th Street, wohnt keiner. Das ist Baugebiet“, erklärte Corby.

„Was redest du da? Ich war doch da.“

„Sam. Ganz ehrlich. Da ist nichts“, wiederholte Dave und sah Sam fürsorglich an.

„Warte ich zeig’s euch.“

Sam packte sein Handy aus und suchte im Internet nach dem Angebot des Paares. Doch er fand es nicht. Weder das Angebot, noch die Homepage, die es enthalten hatte.

„Was zum ...“

„Sam ist alles okay?“

„Ich muss los.“

Sam sprang auf und fiel zur Seite gegen die Wand. Sein Kopf schmerzte, in seinen Ohren schallten wirre Stimmen und sein Blick war verschwommen. Was vorher noch klare Konturen hatte, verwandelte sich nun in ein Meer aus Farben.

„Vorsicht, Cowboy. Es wäre besser, wenn du jetzt nicht fährst“, wandte Corby nervös ein.

Phil hielt krampfhaft den Tisch fest, als fürchtete er, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

„Ich muss zu Nancy! Sofort!“

„Okay, aber lass mich dich fahren!“, stellte Dave klar.

Beide verließen das Lokal und hinterließen eine wilde Menge aus störrischen Blicken und tosendem Geflüster.

Draußen angekommen sprintete Sam zum Auto. Dave machte es ihm gleich und nahm den Platz am Fahrersitz ein.

Beide fuhren stürmisch durch die Straßen von Bedford Lane. Die Umgebung wurde zu einem Schatten und das Ziel zu einer wachsenden Begierde, die es unmittelbar zu erreichen galt. In Sams Kopf brausten tausende Szenarien, wie seine Ankunft aussehen könnte. Was war mit Nancy und seinem Kind? Wer waren die Alten? Was haben sie ihr angetan?

„Schneller.“

„Ich mach ja schon. Wir sind gleich da.“

Dave sollte nicht unrecht haben, denn nur wenige Atemzüge später, erreichte das Auto die 14th Street.

Sam konnte seinen Augen nicht trauen. Wo zuvor, das Haus stand, befand sich nun ein karges Feld mit Trümmern und Baumaschinen.

Sam öffnete die Tür und sprang aus dem langsam werdenden, aber noch fahrenden, Wagen hinaus. Er rannte zu dem Fleck, an dem die Tür war und sich jetzt nur noch ein Haufen aus Backsteinen türmte.

„Nein. Nein. Nein“, flüsterte Sam, während er sich an den Kopf griff und auf die Knie fiel.

Dave hielt das Fahrzeug an und rannte zu ihm.

„Sam, was tust du da?“

„Es war hier! Genau hier! Wo ist es hin?“

„Ich habe dir, doch erzählt, dass hier draußen nichts ist.“

Sam sprang wütend auf. Tränen flossen sein Gesicht hinab und seine Lippen bebten. Sein Herz schlug schneller, als eine Sekunde mithalten könnte und sein Gesicht färbte sich in ein helles Rot. Er packte Dave am Kragen und zog ihn zu sich.

„Was hast du mit ihnen gemacht?“

„Hey, man, was redest du da?“

„WAS HAST DU MIT IHNEN GEMACHT? WO SIND SIE HIN?“

„Sam, wo ist wer?“

„Meine FRAU und mein KIND! WO SIND SIE?!“

„Sam, ich habe keine Ahnung.“

Bei diesen Worten sank Sam auf die Knie. Wo waren sie nur? Nancy. Nie könnte er es sich verzeihen, wenn ihr oder dem Kind etwas geschehen sei.

„Sam?“, fragte Dave scheu. Eine Mischung aus Angst und Misstrauen stand in seinem Gesicht geschrieben.

Sam atmete schwer. Er kämpfte, um Luft wie ein Neugeborenes und spürte weder Zeit, noch sonstige physische Elemente. Es gab nur Nancy. In seinem Kopf spielten sich unzählige Szenen vor ihm ab. Vom Kennenlernen in der Universität, weiter zur Hochzeit und dem Ultraschalltermin, bis zum Moment an diesem Abend im Zimmer der Crows.

„Wir müssen Hilfe holen“, sprach Sam überzeugt und sah Dave streng an.

So fanden sich beide nur kurze Zeit später auf der Polizeiwache von Bedford Lane. Es war ein kleines weißes Gebäude. Wenn man nicht wüsste, wo es stand, würde man glatt daran vorbei fahren, und das trotz des goldenen Schildes mit der Aufschrift „Police Dept. of Bedford Lane“.

Sam und Dave standen vor dem Schalter und sahen einem missmutigen Polizisten mit Glatze entgegen, der Sam misstrauisch musterte. So wie man einem unseriösen Verkäufer ansehen würde, im Wissen, dass er einen Linken will.

„Also sie waren mit einer Frau, über die wir keine Informationen haben, in einem Haus, das nicht existiert, und dass bei einer Familie, die keiner kennt oder je gesehen hat. Ist das richtig?“

„Hören Sie mir gut zu! Mir ist egal, was sie oder sonst wer davon oder über mich halten. Da draußen ist meine Frau und mein Kind, und ich gehe hier nicht weg, bevor wir sie gefunden haben!“, erklärte Sam mit starker Stimme, während ihm Tränen, der Wut und Angst, die Augen feuchteten.

„Nein, Sie hören mir zu. Ich kenne Leute, wie Sie. Kommen hier in unser nettes kleines Städtchen und denken, dass sie hier tun und lassen können, was sie wollen. Ein bisschen Chaos hier und ein bisschen Unfug dort. Nicht hier bei mir. Nah, nah, Sir. Hier bin ich der Sheriff und Sie, Sir, kommen mir äußerst verdächtig vor.“

Sam holte zum Kontern aus, als er plötzlich einen seltsamen Druck in seiner linken Hosentasche spürte. Etwas presste sich an sein Bein. Mit zitternder Hand tastete er in seiner Hosentasche herum und umgriff, den Störenfried. Er fuhr blind mit seinen Fingern, über das geheimnisvolle Objekt, als sein Blick erstarrte und seine Augen sich weiteten. Alles um ihn herum wurde leiser und er spürte und hörte intensiv sein Herz pochen, als ob man ein Mikrofon daran hielt. Er schluckte, obwohl ihm keine Spucke ihm Hals blieb, und holte vorsichtig das Objekt mit geschlossener Hand heraus. Dave diskutierte währenddessen mit dem Polizisten. Sam bekam davon nichts mit. Er starrte konzentriert seine Faust an. Seine Lippen bebten und er drehte langsam den Handballen in seine Richtung und öffnete zögerlich seine Hand. Er hielt die Luft an und für einige Sekunden, war es, als hätte er diese Welt verlassen. Konnte es wirklich wahr sein? War es das wirklich? Sam starrte stumm auf Nancys Blumenkranz. Er hatte nicht an Pracht einbüßen müssen und wirkte so frisch und schön, wie eh und je.   Sam wusste nicht ob er weinen oder lachen sollte. Er blickte wie hypnotisiert den Kranz an und seine Stirn in Falten, während seine Lippen stumm, einige Wörter formten. Seine Augen weiteten sich wieder kurz und seine Miene verwandelte sich in purer Ernsthaftigkeit, bevor er seinen Blick hob und den Polizisten wild anstarrte.Das Wasser fiel kräftig und schwer vom Himmel.

THE END

 
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