Horror

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Original by SenhorDaSilva, ©2017

 

 

So sehr hatte es schon lange nicht mehr geregnet in Pasadena. Der Himmel war pechschwarz und voller Wolken. Ein kühler Wind zog vom Norden und auf der langen Landstraße fuhr nur ein einsames Auto. Ein schwarzer BMW 700 LS. Im Wagen drinnen saß ein schlaksiger Mann mit einer Brille auf der Nase, einer blauen Mütze mit Donald Duck Motiv auf dem Kopf und einem weißen Hemd mit einem grauen Pullover darüber. Er hatte ein weiches Gesicht und blaue Augen. George hieß er.

Er fuhr gemächlich die Straße entlang und beobachtete ängstlich das grausame Wetter. Die Blitze in den Wolken nahmen zu und raubten ihm teilweise die Konzentration. Er versuchte sich zu beruhigen, als er zur rechten Straßenseite sah und eine junge Frau erblickte. Ein Blitz in der näheren Umgebung, ließ ihre Silhouette kurz aufleuchten und man konnte erkennen, dass sie ein Hochzeitskleid trug. Es klebte an ihren Körper und hatte sich in ein dunkles Weiß gefärbt. Sie zitterte unaufhörlich und starrte stur auf den Boden, während sie ihre Arme, um einen schwarzen vollen Müllsack umklammert hielt. George verzog nervös, den Mund. Er hatte es bisher immer vermieden Fremde in sein Auto zu nehmen. Schließlich hatte seine Mutter ihn vor klein auf gewarnt und die Medien propagierten, auch nichts anderes. Dutzende Male hörte man in den Nachrichten Geschichten von grausamen Morden, aufgrund der Mitnahme eines Fremden. Doch er konnte sie nicht stehen lassen. Es regnete nach biblischen Ausmaßen und sie war eine Braut. Man lässt eine Braut nicht im Regen stehen. Das wusste George und so drehte er das Lenkrad nach rechts und machte neben ihr Halt. Das Wasser spritze unter den Reifen auf und die Fremde wich erschrocken einen Schritt nach hinten. Dabei blickte sie das Auto zu keiner Sekunde an. George hielt währenddessen seinen Finger über den Knopf für das rechte Seitenfenster. Er biss sich auf die Lippe, während seine rechte Hand, krampfartig sein Knie kratzte. Eine Angewohnheit, die George schon seit Schulzeiten praktizierte, wenn ihn die Panik überfiel. Irgendwas stimmte nicht. Doch er wusste nicht was es war. Vielleicht die bleiche Haut, die so zerbrechlich wirkte, als wären Regentropfen ihr Untergang. Es könnte aber genau so gut die Augen sein, dessen helles Blau, in der Nacht strahlte, wie die Scheinwerfer seines Autos. Was war mit dem schwarzen Müllsack, den sie so krampfhaft umklammert hielt, wie eine Mutter ihr Kleines. Was auch immer es war, es machte ihm Angst und ließ seinen Mund ganz trocken werden. All seinen Ängsten zu trotz, drückte er seinen Finger auf den Knopf und ließ die Scheibe in der Seitentür verschwinden. Regentropfen fielen ins Auto auf den Sitz und man hörte den lauten Regen auf den Asphalt prasseln, so wie den Donner den Himmel zerreißen. Was brachte eine Braut, mitten in so einer Nacht, auf eine verlassene Landstraße mitten im Nirgendwo? George fasste all sein Mut zusammen und sah sie an.

„Ent ... Entschuldigung. K-k-kann ich helfen?“

Sie blieb stumm und ein lauter Donner ertönte hinter ihr. Einer dieser Donner, die Kinder unter ihrer Bettdecke verschwinden lassen.

„Entschuldigung Mam, wo wollen sie hin?“

Sie wirkte sehr verunsichert und schüttelte schüchtern ihren Kopf. George überlegte weiterzufahren, aber nun hatte er es bereits begonnen und wollte es zu ende führen.

„K-k-ka-kann i-i-ich sie irgendwohin mitnehmen? Das Unwetter tut nicht gut“, brachte George stotternd hervor mit Blick zum dunklen Himmel, in dem stumme Blitze zwischendurch aufleuchtenden. Sie presste den Sack, noch stärker an ihre Brust und zitterte stark.

„Ma ...“

„...warum?“, unterbrach ihn eine leise und schöne Stimme, und ein unschuldiges und bildhaftschönes Gesicht blickte ihn scheu an.

George sah sie schüchtern an und verstummte. Noch nie zuvor hatte er etwas Traumhafteres erblickt, als die Fremde im Hochzeitskleid.

„W-w-weil es nicht sicher ist draußen, mam“, brachte George hervor ohne sie anzusehen.

Sie blickte verunsichert umher und ließ ein paar einsame Tränen ihre Wange hinunterlaufen. Vielleicht war es der Regen und der Wind, sowie die damit einhergehende Kälte. Es könnte aber auch das sympathische und doch schüchterne Lächeln von George sein. Egal was es war, etwas brachte die Braut dazu in das schwarze Auto einzusteigen.

George warf einen kurzen unsicheren Blick auf den schwarzen Plastiksack, bevor er den Gang einlegte und das Fahrzeug, mit einem leichten Tritt auf das Pedal, in Bewegung setzte. Dabei pendelten die Scheibenwischer rasant von der Einen auf die andere Seite und hinterließen ein Geräusch von reibendem Gummi und spritzenden Wasser, der durch das Auto hindurchfuhr. Georges Herz klopfte sehr schnell. Wo kam sie her und wer ließ eine wunderschöne Braut, wie sie es war, alleine im Regen stehen? Und was war in dem Müllsack, der auf ihren Schoss rührte und dessen unscheinbaren Form, keine Aussage zum Inhalt zuließ?

George fasste seinen Mut zusammen und stellte die Gretchenfrage. „Wo wollen sie hin?“

Sie sah kurz zur Tüte und blickte nach draußen in die Dunkelheit der Nacht. „Weg von hier?“

George sah wieder zur Straße. Er wusste, dass man auf solche Antworten keine weiteren Fragen folgen ließ. Sie würde es ihm schon mitteilen, wenn sie so weit wäre. So fuhren sie eine Weile, auf die nicht zu enden wollen scheinende Landstraße, bevor sie ihn kühl ansah.

„Warum tun sie das?“

„Wei .... w-w-weil e-e-es richtig ist“, brachte er zögerlich hervor in einem Ton, der mehr wie eine Frage, als eine Antwort klang.

Ihr Gesichtsausdruck war unleserlich und ihre kühlen, blauen Augen blickten leer auf das Armaturenbrett.

„M-m-m-mein Name ist G-g-george,“ kam es aus ihm mit scheuem Blick zum Kruzifix, der um den Innenspiegel hang. Sie folgte stumm seinen Blick und presste die Tüte noch kräftiger an ihre Brust.

George beobachtete sie kurz, bevor er seinen Blick wieder auf die Straße warf und einen Tiefenatemzug nahm.

„Amy.“

Er wandte seinen Kopf zu ihr und beobachtete wie sie in die Windschutzscheibe starrte, als versuche sie ihre eigene Reflektion zu sehen.

„Mein Name ist Amy“, wiederholte die Braut und sah ihn kurz schüchtern an.

George verzog den Mund zu einem heimlichen, unangenehmen Lächeln und wandte sich wieder der Straße zu.

„War d-d-die Hw-Hw-Hochzeit gut?“

„Hochzeit“, wiederholte Amy leise und sah ihr Kleid mit einer argwöhnischen Miene an, als bemerke sie erst jetzt, dass sie ein Kleid trug.

„I-J-ja, da ko-kommst du, d-d-doch her?“

„Ja“, entgegnete Amy und streckte ihre rechte Hand vor ihr aus. Die Finger gespreizt, so dass der Ring erkennbar war. Ein prachtvoller goldener Ring. Sie starrte ihn mit absolutem Hass an, während sie mit ihrer Nase schnelle Atemzüge nahm. Atemzüge, die ihre Brust sich auf und ab bewegen ließ, wie bei jemanden, der verzweifelt um den Atem ringt. Sie ergriff den Ring mit ihrem linken Zeigefinger und Daumen, und zog ihn so kraftvoll über ihren Finger, dass sie Teile ihrer Haut vom Fleisch riss. Blut tropfte auf das weiße Kleid hinab. George beobachtete sie dabei heimlich und versuchte die Ruhe zu bewahren. Amy sah den Ring mit großen Augen an und ein bestialisches Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit.

„Bis uns der Tod scheidet“, flüsterte sie mit einem spielerischen Ton und sah kurz, grinsend zum Sack hinab.

George schluckte auf und versuchte den Fokus auf die Straße zu setzten, doch das Geräusch, der herunterfahrenden Fensterscheibe, weckte seine Aufmerksamkeit. Er blickte zu seinem mysteriösen Fahrgast, der nun den Ring aus dem Fenster schmiss, gefolgt von einem lauten Donner und einem hellen Blitz.

Amy lächelte zufrieden und ließ ihre Zunge über ihre Lippen kreisen, während sie das Fenster wieder hochfahren ließ.

„W-w-wo wollten sie, n-w-nw-noch mal hin?“

Amy drehte langsam, fast zeitlupenartig, ihren Kopf zu ihm und ließ ebenso langsam, ihre Lippen sich zu einem Lächeln verziehen.

„Weit weg“, kam es langezogen aus ihr in einem emotionslosen Ton.

„Sf-sf-sicher“, entgegnete George mit einem eingeschüchterten Kopfschütteln und sah wieder zur Straße.

Plötzlich fuhr das Auto, über ein Straßenloch und hüpfte kurz auf. Beide Passagiere wurden durchgeschüttelt und ein lauter Aufschlag ertönte aus dem Vorbau des Autos.

„O-o-o-oh nein“, kam es aus George mit einem ängstlichen Gesichtsausdruck. Amy begutachtete derweil ihren Müllsack und ließ nervös ihre Finger darüber wandern, als vergewissere sie sich, über die Verfassung des Inhalts.

Das Auto fuhr rechts ran.

„I-i-i-ich sw-sw-schau o-o-ob alles o-o-okay ist“, erklärte er ihr und stieg hinaus in den Regen. Amy beobachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen, wie er vor den Wagen trat, die Motorhaube hoch schob und dahinter verschwand. Mit einem ernsten Gesichtsausdruck lenkte sie ihren Blick in Richtung Mittelkonsole. Sie entnahm daraus Georges Brieftasche und wühlte darin herum, bis sie fündig wurde. Ein Ausweis. Sie nahm den Ausweis heraus und drehte in ihrer Hand, um die Vorderseite zu betrachten. Ihr Gesicht erstarrte und ihre Finger fingen an zu zittern. Auf dem Ausweis war das Bild eines alten Mannes mit dem Namen Bob Clayton. Ihre Atmung wurde schneller und sie öffnete blitzschnell das Handschuhfach und kontrollierte die Dokumente. Auch der Fahrzeugbrief und die Versicherungsdokumente hörten auf einen gewissen Bob Clayton. Nervös verglich sie nochmals die Papiere mit dem Ausweis, um sicher zu gehen, dass ihr kein Fehler unterlaufen war, als gerade in diesem Moment das Radio ansprang.

»Sondermeldung. Dem Police Department von Pasadena, wurde soeben gemeldet, dass ein Flüchtiger Mann aus dem Aurora Las Encinas Hospital entlaufen sei und in der näheren Umgebung Pasadenas sein muss. Der Mann hört auf den Namen George Kliff und wird als hochgefährlich eingestuft. Seine Flucht kostete drei Menschen das Leben. Darunter zwei Wärter und seine Ärztin Elizabeth Jones. Mehr Informationen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt. Jeglicher Kontakt mit dem psychisch labilen Patienten ist strengstens zu vermeiden. Sollten sie irgendwelche Kenntnisse über Kliffs aktuellen Standort haben, bitten wir sie, dem Police Department von Pasadena Auskunft zu erteilen.«

Das Radio brach wieder ab und verklang in einem lauten Rauschen. Amy drückte wie verzweifelt die Knöpfe im Radio, als plötzlich ein lauter Hieb mit einem Schlaghammer ihr Seitenfenster durchbrach. Ein Donnern ertönte und ein Blitz brach auf, als Amy ihren Blick zum Fenster hob. Ihr Gesicht war mit Scherben übersehen und ließ das Blut an ihr hinab laufen.

„W-w-wir s-s-ind da“, kam es aus George mit einem Blick, der einen das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Bitte ... Bitte .... Nicht. Bitte“, flüsterte Amy mit einer wimmernden Stimme und dicken Tränen im Gesicht, die sich mit dem Blut und den Regentropfen vermengten.

George sah sie still an, drehte seinen Oberkörper leicht nach links, während er den Hammer hielt, als sei er ein Baseballschläger.

„Bitte ... Bitte .... Bitte nicht.“

Der Hammer schwank und versank in ihrem Vorderschädel. Langsam zog er den blutigen Hammer aus der Stelle, die einmal ihr Gesicht war und wiederholte den Schlag mehrfach. Dann nahm er den Hammer und warf ihn mit ihr zusammen in den Vorbau des Wagens. Ein alter Mann in einem weißen Flügelhemd lag bereits dort. Auch von seinem Gesicht war nichts mehr übrig. Unter einem lauten Schlag, schloss George die Motorhaube und stieg wieder ins Auto. Sein Blick wandte sich dem schwarzen Plastikmüllsack, neben ihm auf dem Beifahrersitz, zu. Er öffnete den Sack und spähte hinein. Er war gefüllt mit Fotos. Fotos von Amy und einem gutaussehenden Mann mit schwarzen Haare und Bartstoppeln. Darunter fand man auch Fotos von dem Mann mit einer anderen Frau, nicht weniger ansehnlich wie Amy, aber auch nicht besser. George betrachte die Fotos mit einem kühlen emotionslosen Blick, während eine einsame Träne seinem rechten Auge entwich und langsam seine Wange hinab rann. Er ergriff die Träne und starrte sie geschockt an. Etwas Mysteriöses, lag in seinem Gesichtsausdruck. Für einen Moment wirkte es so, als sei es die erste Träne, seit Langem, die er erblickte. Er schmierte die Träne an sein T-Shirt und fuhr los.

Eine Weile später sah George einen roten Pickup am rechten Straßenrand stehen. Zwei junge Frauen standen davor und winkten ihm energisch zu. George hielt zögerlich an und die beiden kamen lächelt zum Beifahrerfenster, das sich nun langsam senkte und den Blick auf einen schüchternen Mann mit Brille und Mütze freigab.

„K-k-kann ich helfen?“

THE END

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